Tirol: Großbrand in Schwazer Altenwohnheim → der Detailbericht

SCHWAZ (TIROL): Am Freitag, dem 30.11.2018 kommt es zu einem Großbrand in Schwaz. Aus dem Brandmeldealarm im Altenwohnheim "Weidach" wird ein ausgedehnter Dachstuhlbrand mit einem Großeinsatz, den es so in Schwaz noch nicht gegeben hat.


Das Brandobjekt
Das Altersheim wurde im Jahr 1962 in Betrieb genommen. Das Gebäude hat drei Stockwerke und wurde in Massivbauweise errichtet. Die Zimmer des 3. Stockes sind im ausgebauten Dachstuhl untergebracht und in Trockenbauweise errichtet. Die Geschoßdecke nach oben ist eine Holz - Tramdecke, ebenfalls mit Rigips verkleidet. Bei der Geschoßdecke zwischen 2. und 3. OG handelt es sich um eine Betondecke.
Das Gebäude wird über ein einziges, zentrales Stiegenhaus das zugleich einen eigenen Brandabschnitt darstellt, erschlossen. Vom Stiegenhaus kommt man in ein Foyer von wo sowohl der Westtrakt als auch der später betroffene Südtrakt mit den Patientenzimmern erreicht werden kann. Jeder Trakt ist mit einer Brandschutztür zum Foyer hin abgesichert.
Im betroffenen Trakt sind sieben Zimmer untergebracht. Der Brand bricht im Bad des rechten , vorletzten Zimmers des Südtraktes aufgrund eines Kurzschlusses in der Zwischendecke aus. (Bild 1)
Für den Gebäudeschutz ist eine Brandmeldeanlage in Vollschutz installiert. Die Melder im Dachboden sind allerdings nicht ganz an der Decke angebracht, sondern etwas tiefer im Bereich der Kabeltassen. Die Alarme werden direkt an die Leitstelle Tirol in Innsbruck weitergeleitet, von dort erfolgt die Alarmierung der Feuerwehren.
Im Jahr 2007 wurde dieser Trakt generalsaniert und auf den letzten Stand der Technik gebracht. Rund um das Gebäude führt die asphaltierte Straße, die ausreichend Aufstellmöglichkeiten für die Feuerwehr bietet.
Das Heim beherbergt insgesamt 54 Bewohner, zum Zeitpunkt des Brandausbruches ist ein Patient zuhause, zwei befinden sich stationär im Krankenhaus Schwaz. Weiters wohnen 8 Schwestern des Klosterordens, der das Heim betreibt im Gebäude. In der Nacht sind 2 Pflegekräfte für die Patienten zuständig.


Einsatzablauf
Am Freitag, dem 30. November 2018, um 20.27 Uhr wird die Feuerwehr Schwaz zu einem Brandmeldealarm zur besagten Adresse gerufen. Das ist nichts Ungewöhnliches, jährlich kommt es zu mehreren Alarmen, die sich meistens als Fehl-, oder Täuschungsalarme herausstellen. Das Wetter ist kühl, ca. 5 Grad, leichter Nieselregen. Bereits bei Eintreffen der ersten Feuerwehrkräfte standen weite Teile des südlichen Dachstuhles in Vollbrand.
Sofort werden die umliegenden Feuerwehren Stans, Vomp und Pill, die Betriebsfeuerwehr Tyrolit, sowie drei weitere Hubrettungsfahrzeuge aus Eben am Achensee, Wattens und Hall alarmiert. Die Wasserversorgung wurde primär über das städtische Hydrantennetz sichergestellt. Im Laufe des Einsatzes wurde von der Feuerwehr Buch eine Wasserversorgung vom Inn aufgebaut, die aber nicht mehr zum Einsatz kam. Die Mitglieder des Bezirkszentrale aus verschiedenen Feuerwehren werden alarmiert, sie übernehmen die Lageführung. Auch BFK, BFK-STV, BFI und LFI fanden sich am Einsatzort ein.


Schließlich stehen 11 Feuerwehren mit vier Drehleitern und über 297 Mann unter dem Kommando von Abschnitts-, und Stadtkommandant ABI Hilmar Baumann im Einsatz.
Es wurden mehrere Einsatzabschnitte gebildet: EA Ost, EA West, EA Evakuierung, EA Innenangriff/Atemschutz. Je zwei Drehleitern werden östlich und westlich des Brandobjektes aufgestellt.
Über 30 Atemschutztrupps kommen zum Einsatz, um den Brand im Innen-, und Außenangriff unter Kontrolle zu bringen. Von der Atemschutzsammelstelle des AB Atemschutz wird ein Pendelverkehr ins Gerätehaus organisiert, um die verbrauchten Pressluftflaschen sofort wieder aufzufüllen. Insgesamt 106 Stück 300 bar und 14 Stück 200 bar Pressluftflaschen wurden befüllt.
Das Dach brennt vorwiegend im Giebelbereich ab, immer wieder kommt es zu Durchzündungen. Die Stadtwerke Schwaz wurden beauftragt, das Gebäude stromlos zu machen, um eine gefahrlose Brandbekämpfung im Innenangriff zu ermöglichen.


Nachdem der Innenangriff Wirkung zeigte stellten die Drehleitern auf handgeführte Strahlrohre um und begannen mit dem Abdecken des Daches um an die Glutnester heranzukommen.
Probleme bereitete jedoch die Brandausbreitung in den Zimmern. Sämtliche Wände und Decken des 3. Stockes mussten von Hand geöffnet werden um auch die letzten Glutnester zu löschen.
Um in der Erstphase rasch Zugang zu den versteckten Brandherden zu erhalten, kamen auch zwei Fognail - Sets zum Einsatz, die sich hervorragend bewährten. Schon eine kleine Öffnung genügte, um den Brand mittels Sprühstrahl aus dem Löschnagel bekämpfen zu können.
Brand unter Kontrolle konnte gegen 21.30 gegeben werden, die Nachlöscharbeiten dauerten bis in den frühen Morgen, endgültig Brandaus gab es um 04.00 Uhr. Die Brandwache rückte erst am 01.12. gegen 14.00 Uhr von der Einsatzstelle ab.


Zwei Feuerwehrmänner wurden im Zuge der Löscharbeiten verletzt und vom Rettungsdienst ins Krankenhaus Schwaz zur weiteren Abklärung gebracht. Während eine Schulterverletzung ambulant versorgt wurde, musste der Feuerwehrmann mit Kreislaufproblemen zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben, er konnte aber am nächsten TAg bereits wieder entlassen werden. Mehrere Feuerwehrmänner wurden auf eine CO – Vergiftung hin untersucht.
Das Löschwasser wurde mit Wassersaugern in den darunterliegenden Stockwerken so gut wie möglich aufgenommen und aus dem Gebäude geleitet.
Die Reservisten der FF Schwaz kümmerten in der Kantine der Schwazer Feuerwehr um die Verpflegung. Sie organisierten Brot, Wurst, Tee und Getränke und brachten es an die Einsatzstelle, bewirteten die Kommenden und Gehenden Einsatzkräfte im Gerätehaus. Die 12 Senioren, teils begleitet von den Ehefrauen übernahmen damit einen wichtigen Part der Einsatzlogistik.


Evakuierung des Gebäudes
Die oberste Priorität lag in der Evakuierung der Bewohner. Insgesamt waren in der Brandnacht 51 Bewohner, 8 geistliche Schwestern des vinzentinischen Ordens sowie 2 Pflegerinnen im Gebäude.
Feuerwehreinsatzleiter Hilmar Baumann: „Bei einem kleineren Brandgeschehen würden Patienten zuerst horizontal – also innerhalb der Brandabschnitte verlegt. Wenn das nicht mehr möglich ist, spricht man von einer vertikalen Evakuierung – also ein oder zwei Stockwerke tiefer. Im vorliegenden Fall war rasch klar, dass die Bewohner nicht im Gebäude verbleiben konnten“.
Gemeinsam mit den 2 anwesenden Pflegerinnen wurde begonnen, die Bewohner der oberen Stockwerke, beginnend im 3. OG, ins Erdgeschoß zu verlegen. Die zwei Frauen leisteten ganze Arbeit – beim Eintreffen der Feuerwehr waren die sieben Bewohner des vom Brand betroffenen Traktes bereits im Foyer im 3. OG versammelt.
Als Sammelpunkt für alle Bewohner wurde die Kapelle im Erdgeschoß verwendet.
Dazu wurden die nachrückenden Feuerwehren in 4 Mann Teams eingeteilt, die dann jeweils eine Person hinuntertrugen. Gehfähige Bewohner wurden je nach Zustand mit einer oder zwei Einsatzkräften über die Stiege nach unten geleitet.
Dabei spießte es sich immer wieder im - einzigen - Stiegenhaus des Gebäudes. Während die Patienten nach unten getragen wurden, mussten zugleich die Feuerwehrmänner mit Schläuchen und Ausrüstung für die Brandbekämpfung nach oben, wodurch es sich im Stiegenhaus staute und die Räumung verlangsamte. Auch die Schläuche waren ein dementsprechendes Hindernis - ein Hoch auf fix verlegte Steigleitungen, die in der Anfangsphase auch verwendet wurden.
Nach 40 Minuten waren alle Patienten im Erdgeschoß, von dort erfolgte die Verlegung in den nur 150 Meter entfernten Turnsaal der Neuen Mittelschule. Um 21.47 Uhr - 80 Minuten nach der ersten Alarmierung - wurde der letzte Bewohner aus dem Gebäude gebracht. Der letzte Abtransport ins Krankenhaus Schwaz erfolgte um 00:15 Uhr.


Rettungsdienst
Primär wird zu einem Brandmeldealarm kein Rettungsdienst mitalarmiert, erst im Zuge der Nachalarmierung bei der Feuerwehr wurde auch beim Roten Kreuz Alarm ausgelöst.
Einsatzleiter Thomas Gurschler: "Bereits kurz nach Eintreffen am Einsatzort habe ich Alarm für die Sondereinsatzgruppe Schwaz auslösen lassen. Der Brand hatte sich bereits so weit ausgebreitet, dass eine Evakuierung der Bewohner unmittelbar durchgeführt werden musste. Die Angestellten des Heimes und die Feuerwehr leisteten hier wertvolle Hilfe - gemeinsam wurden alle Bewohner in die Turnhalle verlegt.
“ Die Sondereinsatzgruppe besteht aus Sanitäter und Notärzten der Ortsstelle Schwaz. 50 Sanitäter und 8 Notärzte mit 11 Fahrzeugen standen binnen kürzester Zeit bereit, um die Bewohner zu evakuieren, zu erfassen und in der Sporthalle zu betreuen. Insgesamt wurden hier 75 Personen (Bewohner, Schwestern, Angestellte und Einsatzkräfte) betreut und versorgt. Auch der geordnete und koordinierte Transport in das Krankenhaus Schwaz wurde durch das Rote Kreuz und einem Auto des Samariterbundes durchgeführt.
Bezirksrettungskommandant Günther Schwemberger: "Es wurden alle 51 anwesenden Bewohner des Heimes evakuiert und vorübergehend in der Turnhalle der Hauptschule untergebracht, welche sich 150 Meter neben dem Altenheim befindet. Im Turnsaal wurden Feldbetten für alle Bewohner vorbereitet. Sanitäter, Ärzte und Mitarbeiter der Krisenintervention standen bereit und kümmerten sich um die Versorgung. Auch eine Hotline für Angehörige wurde binnen kürzester Zeit eingerichtet. Die Bewohner wurden von Angehörigen abgeholt oder ins Bezirkskrankenhaus Schwaz verbracht, welches genügend Betten für die vorübergehende Aufnahme der Bewohner zur Verfügung stellen konnte." Alle Bewohner und Betroffenen wurden mit Hilfe eines Patienten-Leit-Systems (PLS) erfasst, damit war jede Person registriert und eine lückenlose Dokumentation konnte gewährleistet werden.
Am Samstag und am Sonntag wurden insgesamt 30 Heimbewohner vom Krankenhaus Schwaz in das Wohnheim Pradl transferiert - mit bis zu 9 Fahrzeugen und 21 ehrenamtlichen Sanitäter. Ein Bewohner wurde in das Franziskusheim Fügen gebracht. Mehrere Feuerwehren aus dem Bezirk (Schwaz, Ried, Jenbach, Tyrolit, Vomp) stellten Räumtrupps, die gemeinsam mit dem Pflegepersonal die Habseligkeiten der Patienten verpacken. Die FF Schwaz und Weerberg transportierten dann diese Gegenstände in die neue Unterkunft.
Somit kann der gewohnte Zustand für die Betroffenen des Brandereignisses rasch wiederhergestellt werden. "Die Zusammenarbeit der Organisationen mit der Stadt Schwaz, den Heimleitungen, dem Krankenhaus und allen weiteren Beteiligten funktionierte ausgezeichnet. Gemeinsam wurden die notwendigen Schritte geplant und alle Aufgaben mit Hilfe vieler Freiwilliger bewältigt.", so Bezirksrettungskommandant Günther Schwemberger.
Am ersten Adventwochenende wurden vom Roten Kreuz Schwaz zusätzlich zum normalen Regelrettungsdienst 650 ehrenamtliche Stunden geleistet.


Die Gemeindeeinsatzleitung

Jede Gemeinde in Tirol ist verpflichtet, eine Gemeindeeinsatzleitung (GEL) für Großschadensfälle einzurichten. Die Mitglieder in Schwaz kommen aus dem Stadtamt (Bürgermeister, Stadtamtsdirektor), Bauamt (Bauamtsleiter, Bautechniker), dem Bauhof (Bauhofleitung), sowie der Verwaltung und werden offiziell vereidigt. Wie bei der Feuerwehr werden die Stabsfunktionen S1 – S6 besetzt. Geleitet wird sie vom Bürgermeister.
„In Schwaz gibt es die Vereinbarung, dass sich bei Sirenenalarm der Feuerwehr automatisch die GEL im Gerätehaus einfindet. Damit ist sichergestellt, dass behördliche Aufgaben bei Bedarf sofort in Angriff genommen werden können“, so Bürgermeister Dr. Hans Lintner. „Nachdem die Sirene nur bei Großschadensfällen ausgelöst wird, hat sich diese Vorgangsweise schon viele Male bewährt“.
„Im konkreten Fall war es unsere Aufgabe, die Unterbringung der Bewohner sowohl kurz,- als auch längerfristig zu organisieren. Dazu wurden die Direktoren und der Hausmeister der neuen Mittelschule verständigt, damit man Zugang zum Turnsaal bekommt. Der Zufall wollte es, dass in der Schule gerade der Elternsprechtag zu Ende ging, beide Direktoren waren vor Ort.
In einem nächsten Schritt wurde im Krankenhaus Schwaz angefragt wie viele Bewohner zur Übernachtung - sie waren ja in diesem Sinne nicht krank, sondern quasi obdachlos - untergebracht werden könnten“, führt Bürgermeister Lintner aus.


Die Antwort des diensthabenden Oberarztes, man könne alle Bewohner aufnehmen überraschte auch die Einsatzleitung, weil die Auslastung des Krankenhauses generell sehr hoch ist. Immerhin ist es für ein Krankenhaus mit reduzierter Nachtbesetzung eine logistische Herausforderung, müssen doch alle Patienten genauso erfasst und verteilt werden. Das diensthabende Personal konnte rasch einige Ärzte und Pfleger aus der Freizeit heraus aktivieren, weshalb es nicht notwendig war, interne Alarmpläne für Großschadensfälle zu aktivieren.
 „Dann galt es für uns - gemeinsam mit der Heimleitung - eine dauerhafte Lösung zu finden, weil absehbar war, dass der betroffene Trakt aufgrund Feuer und Wasser für längere Zeit nicht benutzbar sein würde. Dabei wurden von den Wohnheimen der Umgebung zahlreiche Angebote gemacht. Schlussendlich kam aus Innsbruck ein sehr erfreuliches Angebot. In einem Wohnheim der Innsbrucker Sozialen Dienste (ISD) war ein Stockwerk komplett leer, aber bezugsbereit. Dort konnten 30 Bewohner samt Personal aufgenommen werden“, so der Bürgermeister.
Die restlichen Bewohner wurden in den Heimen der Umgebung verteilt.
Eine zentrale Frage war die der Statik des betroffenen Gebäudeteiles sowie der Sicherung des zerstörten Dachstuhles vor weiterem Wassereintritt. Das Dach sowie das dritte OG wurden am Samstagvormittag vom Statiker gesperrt, die unteren Stockwerke zur Räumung freigegeben.
Auch gelang es bereits am nächsten Morgen die Zimmerer Haim/Terfens und Wegscheider/Pill sowie die Spenglerei Schuster/Vomp für die provisorische Abdichtung des Daches zu gewinnen. Unterstützung erhielten sie dabei von der Firma LKW Mauracher/Pill, die den größten Kran mit einer Reichweite von über 50 Metern vor Ort hatte. Damit war es bis Samstagabend möglich, das Dach mit Planen und Hilfskonstruktionen soweit abzudecken, dass der erwartete Regen kein Problem mehr darstellte.


Die GEL tagte zweimal – um 22.30 Uhr und am Folgetag um 10.00 Uhr im Gerätehaus der Feuerwehr Schwaz. Am Samstag fand dann im Anschluss eine Pressekonferenz im Schulungsraum der Feuerwehr statt. Die Pressearbeit wurde vom Pressesprecher der FF Schwaz wahrgenommen. Vor Ort waren einige Lokalmedien, die in die Situation eingewiesen wurden. Nach den beiden Besprechungen der GEL im Gerätehaus der FF Schwaz wurde mit je einer Presseaussendung über den aktuellen Stand informiert (Pressesprecher FF ist zugleich auch Pressesprecher GEL).
Als Brandursache konnte von der Polizei relativ rasch ein Kurzschluss in der Zwischendecke eines Bades festgestellt werden. Dieser setzte die Dachkonstruktion in Brand. Der Dachboden war zwar an die BMA angeschlossen, die Melder hingen aber nicht ganz am Giebel sondern etwas tiefer im Bereich der Kabeltassen. Daher sprachen sie auch nicht gleich an. Im Nachhinein konnte auch nicht mehr festgestellt werden, welcher Melder den Alarm auslöste, nur welche Linie.


Resümee
Das Objekt wurde zuletzt im Frühjahr beübt, damals wurden die Bewohner vertikal - also ein Stockwerk tiefer - verlegt. Auch in den anderen Heimen der Stadt Schwaz werden regelmäßig Räumungsübungen abgehalten. Allerdings wurde noch nie parallel die Räumung sowie die Brandbekämpfung geübt. Denn da wird dann auch ein breites Stiegenhaus sehr schnell schmal.
Eine Evakuierung alter Menschen braucht viel Zeit. Im wortwörtlichen Schritttempo wurden "gehfähige" Patienten nach unten geführt, jede Schlauchquerung wurde zum Hindernis. Dinge, an die man bei der klassischen Räumungsübung nicht unbedingt denkt.
Mit dem heutigen Wissen würden keine Löschleitungen mehr über das Stiegenhaus verlegt, sondern von außen hochgezogen werden. Damit würde man vielen Stolperfallen ausstellen und den Verkehr im Stiegenhaus vereinfachen.


„Im Nachhinein ist man immer schlauer – sollten wir jemals wieder in eine solche Situation kommen und die Zeit lässt es zu, dann werden wir gleich bei der Evakuierung die wichtigsten Gegenstände der Patienten mitnehmen. Dazu zählen Zahnprothesen und Hörgeräte“, so Baumann weiter. „So kam es, dass wir die völlig zerstörten Zimmer mühselig nach genau solchen Gegenständen durchsuchen mussten. Ein Großteil davon konnte auch gefunden werden“.
Die Brandbekämpfung verlief im Wesentlichen reibungslos. Allerdings war der Versuch, den Dachstuhlbrand vom Boden aus zu bekämpfen, von vorn herein zum Scheitern verurteilt.
"Das beginnt damit, dass das Dach oftmals noch intakt ist, man wäscht also die Dachpfannen und macht einen Belastungstest für die Dachrinnen - aber den Brand selbst bekämpft man nicht", so der Kommandant der FF Schwaz, Hilmar Baumann etwas selbstkritisch.
"Weiters ist es eine Frage des Wurfwinkels - von unten kann man das Feuer kaum erreichen, eher spritzt man darüber und macht auf der anderen Seite des Gebäudes die Leute nass", so Baumann weiter. „Wenn Außenangriff, dann von oben - also von den Drehleitern aus.“


„Die Fognails sind ein sehr wirkungsvolles Einsatzmittel, dem meiner Meinung nach zu wenig Beachtung geschenkt wird. Sobald das Feuer schwer zugänglich ist, sollte deren Einsatz überlegt werden. Was man dazu aber unbedingt braucht wäre ein Akku – Bohrhammer mit dementsprechend langen Bohrern. Damit käme man sehr schnell an den Brandherd und kann die Brandausbreitung rasch eindämmen. Der mitgelieferte Hammer ist bei mehrlagigen Wänden und Dachaufbauten nicht mehr geeignet, die notwendigen Öffnungen zu schaffen,“ so ein weiteres Resümee des Kommandanten.


Die Lageführung des Bezirksfeuerwehrverbandes Schwaz hätte früher alarmiert werden können. Es wäre ein sehr effizientes Führungsmittel, das in der anfänglichen Hektik nicht zum Einsatz kam. Hier sind Alarmierungs – Automatismen anzudenken.
Auch die Funkkanaltrennung hat nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen, weshalb viele Einsatzkräfte auf der Bezirksgruppe funkten. Teilweise gab es kein Durchkommen mehr.
Die Aufstellflächen rund um das Gebäude waren ausreichend vorhanden. Trotzdem war es wichtig, die Zufahrt um das Gebäude zu reglementieren. Daher macht es Sinn, bei derartigen Gebäuden im Vorfeld Bereitstellungsräume zu definieren, damit man im Ernstfall nicht erst danach suchen muss.
Es tauchte auch die Frage auf, wie man die Angehörigen, z.b. mit einer Telefonhotline  informieren könnte. Hier gibt es derzeit keine technische Möglichkeit, sowas umzusetzen. Von Seiten der Stadt Schwaz wird dieser Vorschlag sicherlich an das Land weitergetragen weil es landesweit immer wieder die Notwendigkeit gibt.


Bei der Polizei hat es sich bewährt, dass rund um die Uhr immer ein Mitarbeiter als so genannter Außendienstkoordinator eingeteilt ist. Kommt es am Land (auch wenn Schwaz eine Stadt sein mag) vor, dass mehrere Streifen koordiniert werden müssen, so ist das seine Aufgabe.
Normalerweise wird eine Einsatzstelle abgeriegelt damit die Einsatzkräfte in Ruhe arbeiten können und sonst niemand gefährdet wird. Im vorliegenden Fall wurden jedoch die Angehörigen der Bewohner sehr wohl an die Einsatzstelle durchgelassen. Der Hintergedanke war schlichtweg, dass die alten Menschen ihnen bekannte Bezugspersonen um sich haben sollen, damit die Situation für sie stressfreier abläuft.
Die Nachbarschaftshilfe funktionierte hervorragend. Zahlreiche Anrainer halfen vor allem bei der Verlegung der Patienten vom Altersheim in die Turnhalle, gaben Getränke aus und halfen wo Not am Mann oder Frau war.


Ebenfalls bewährt haben sich die regelmäßigen Brandschutzschulungen für das Personal der Altenwohnheime. Dabei geht es dann um so vermeintlich banale Dinge wie „Was ist überhaupt ein Brandabschnitt“?
Viele Begriffe, die uns Feuerwehrleuten vertraut sind, sagen der „normalen“ Bevölkerung gar nichts. Oftmals setzt man als Einsatzorganisation zu viel „Feuerwehrwissen“ voraus, was dann entweder für Missverständnisse oder gar Unverständnis sorgt. Da braucht es einen dann auch nicht wundern, wenn Brandschutzeinrichtungen falsch bedient oder schlichtweg ignoriert werden.
Dieser Einsatz hat einmal mehr gezeigt, wie wertvoll ein flächendeckendes, freiwilliges Feuerwehr/Rettungssystem ist. Anders könnten solche Großlagen nur schwer bewältigt werden. Auch die oft geführten Diskussionen „wozu braucht es das alles“, sei es bei Fuhrpark oder Ausrüstung werden vorübergehend verstummen.
Es liegt in der Natur des Menschen, schlimme Ereignisse zu vergessen, folglich gerät auch die Notwendigkeit der umfangreichen Ausrüstung bei den Einsatzorganisationen in Vergessenheit. Die Feuerwehren und die Rettungsorganisationen generell müssen abseits des Tagesgeschäftes auch imstande sein, solche Situationen zu beherrschen. Nur weil gewisse Gerätschaften nicht täglich im Einsatz stehen heißt das nicht, dass man sie nicht braucht.


Autor: Bernhard Brandl, FF Schwaz


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