Prozess: Irrtümer beim Brand im Montblanc-Tunnel – Katastrophe vermeidbar?!
Schweiz: Am 31.1.2005 hat der Prozess über den Brand im Montblanc-Tunnel begonnen, in dem geklärt werden soll, wer den Tod von 39 Personen zu verantworten hat. Er wird mindestens drei Monate dauern. 16 Angeklagten wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Der Unfall war durch eine Verkettung von Irrtümern zu einem Inferno geworden.
Vor dem Strafgericht der Kleinstadt Bonneville in den französischen Alpen hat der Prozess gegen 16 Angeklagte begonnen, denen vorgeworfen wird, am Brand im Montblanc-Tunnel am 24. März 1999 schuld zu sein.
Bei der Katastrophe verloren 39 Personen ihr Leben. Den Angeklagten, 4 Unternehmen und 12 Personen, werden fahrlässige Tötung, mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen und fehlende Einsatzbereitschaft zur Last gelegt. Unter ihnen befindet sich neben der französischen Tunnelbetriebsgesellschaft ATMB, ihrem Managementarm und dem französischen Betreiber SITMB auch der schwedische Lastwagenproduzent Volvo. Der Fahrer des Lastwagens, der den Tunnelbrand ausgelöst hatte, Gilbert Degrave, sitzt zusammen mit dem Bürgermeister von Chamonix, Michel Charlet, und Führungspersonen der Betriebsgesellschaften auf der Anklagebank. 220 Angehörige der Opfer treten als Nebenkläger auf. Mehr als 160 Zeugen und Sachverständige sollen im Laufe des Prozesses vernommen werden, der in einer eigens errichteten Mehrzweckhalle mindestens bis Ende April laufen wird.
Eine vermeidbare Katastrophe
Der Brand wird heute eine Katastrophe genannt, die nie hätte stattfinden dürfen und die fast ausschliesslich auf menschliches Versagen auf vielen Ebenen zurückzuführen sei. Ein Sachverständiger ist der Ansicht, dass kein Opfer zu beklagen gewesen wäre, wenn alle Beteiligten ihre Arbeit getan hätten, als der Lastwagen in der Mitte des 11,6 Kilometer langen Tunnels in Brand geraten war. Die Ereignisse hätten nichts mit Schicksal zu tun gehabt, sagte auch einer der Verteidiger der Unternehmen. Dies habe die seit fünf Jahren laufende Untersuchung gezeigt. Aber es stelle sich die Frage, wo die Kette der Verantwortlichkeit beginne und wo sie ende.
Der mit Mehl und Margarine beladene Lastwagen war vermutlich durch einen weggeworfene und in den Luftfilter des Motors eingesaugten Zigarettenstummel in Brand geraten. Fehlerhafte technische Systeme und Kontrollen sowie eine Serie von Irrtümern, Fehlentscheiden und Schlampereien liessen den Fahrzeugbrand zu einem bis zu 1000 Grad heissen Inferno werden, in dem Personenautos, Lastwagen, Motorräder und Rettungsfahrzeuge zerstört und der Tunnel heftig beschädigt wurden. Dem Lastwagenfahrer Degrave wird vorgeworfen, dass er sein Fahrzeug in der Mitte der Strasse stehen liess und nicht in eine der alle 600 Meter bestehenden Buchten stellte. Die Betriebsgesellschaften sollen die Alarmsysteme zu spät aktiviert haben. Falsche Bedienung der Entlüftungssysteme habe das Feuer zusätzlich angefacht. Volvo habe schon von mehreren Motorbränden dieser Art gewusst. Zu den zu behandelnden Fragen wird auch gehören, ob die Feuerwehren sich richtig verhalten haben.
Erst nach 3 Tagen am Brandherd
Erst nach drei Tagen konnten die durch Hitze und Rauch behinderten Rettungskräfte bis zu der Brandstelle vordringen. Während dreier Jahre blieb der Tunnel geschlossen. Nach einer Sicherheitsüberprüfung aller französischen Tunnel wurden für Verbesserungsmassnahmen 783 Millionen Euro investiert. Rund die Hälfte dieses Betrages wurde für den Montblanc-Tunnel aufgewendet. Der Prozess wird auch ein Testfall für ein im Juli 2000 in Kraft getretenes Gesetz sein, das die Schwelle für eine Verurteilung wegen unbeabsichtigten Totschlags höher gelegt hatte.
