Deutschland: Mitgliedernotstand -> Mit Zwang zur Feuerwehr!
Pietzbuhl (Deutschland): In Pietzpuhl gibt es ein Problem: Die Freiwillige Feuerwehr findet keine Freiwilligen mehr. Deshalb hat die Bürgermeisterin fähige Männer nun zwangsverpflichtet.
In Pietzpuhl darf es nicht mehr brennen. In dem Dorf bei Magdeburg hat sich die Freiwillige Feuerwehr aufgelöst. Bürgermeisterin Roswitha Reinhold besichtigt mit dem Gemeindearbeiter Helmut Rausch die traurigen Reste ihrer Löschtruppe. 18 Kameraden bräuchte das Dorf. Aber die finden sich hier, trotz blitzblanker Ausstattung, schon lange nicht mehr.
Helmut Rausch, Gemeindearbeiter: „Die Technik ist alles vorhanden. Bloß die Kameraden fehlen.“ Frage: „Wo sind die?“ „Tja, wo sind die. Das ist die Frage. Kein Interesse, keine Zeit.“
Roswitha Reinhold, Bürgermeisterin Pietzpuhl: „Die Kameraden, die verbliebenen, sind auch losgegangen und haben mit Leuten gesprochen, die mitmachen könnten. Dann haben wir einen schönen Grillabend angeboten. Da kamen leider nur zwei Besucher. Das war natürlich sehr enttäuschend.“
Nun muss die Bürgermeisterin zum äußersten Mittel greifen: zur Gründung einer Pflichtfeuerwehr. Das gab es hier zuletzt im Zweiten Weltkrieg. Die Pietzpuhler werden von Amts wegen verpflichtet, mitzumachen.
O-Ton: Roswitha Reinhold, Bürgermeisterin Pietzpuhl:
„Das ist Bundesrecht. Und das gilt überall. Und leider sind wir hier die Spitze des Eisberges, sage ich immer, mit unserer Situation, dass wir hier keine Kameraden mehr haben. Das geht anderen Gemeinden ähnlich. Nur ist es dort noch nicht so aufgebrochen wie hier bei uns.“
Pietzpuhl darf seine Feuerwehr nicht einfach dicht machen, es ist zu groß geworden. 50 neue Häuser wurden seit der Wende hier gebaut, über 250 Einwohner zählt das Dorf heute. Eine eigene Wehr ist Pflicht. Auch wenn die meisten Zugezogenen nicht löschen wollen. Nicht freiwillig und auch nicht zwangsweise.
O-Töne: Anwohner: „Also, ich halte von der Pflichtfeuerwehr gar nichts. Weil, das ist ja ein Zwang. Das kennen wir von früher.“
Reporterin: „Was würden Sie machen, wenn Sie so einen Brief kriegen, dass sie nun doch dabei sein müssen?“
„Rechtsanwalt bemühen. Also anders geht’s ja nicht.“
Reporterin: „Also dagegen klagen? Fühlen Sie sich dazu gezwungen?“
Anwohner: „In dem Fall schon. Wie soll ich’s machen? Das wäre meine Freizeit und davon habe ich nicht viel.“
Während im Neubaugebiet schon die juristische Gegenwehr vorbereitet wird, treffen sich die Altpietzpuhler zu Glühwein und Räucherfisch. Die Stimmung ist gedämpft, die Meinungen zur Zwangsfeuerwehr sind geteilt.
Jörg Titsch ist in Pietzpuhl geboren und war 24 Jahre bei der Feuerwehr: löschen, bergen, den Maibaum aufstellen – wirklich freiwillig. Der Frust um das vergebliche Werben neuer Mitglieder unter den Zugezogenen sitzt tief.
O-Ton: Jörg Titsch, Feuerwehrmann Pietzpuhl: „Man spricht mit denen. Ich sage zu dem: ‚Du hast ’ne fünfjährige Tochter. Was machst du, wenn dein Haus brennt?‘ Als Antwort: ‚Ich bin doch gut versichert.‘ ‚Wie gut bist du denn versichert, wenn deine Tochter oben drinne sitzt? Dann bist du der Erste, der um Hilfe schreit: ‚Feuerwehr ich brauch euch!“ Was sollst du dazu noch sagen? Es ist traurig. Also mir tut’s in der Seele weh. Aber wir können es nicht ändern. Es kommt keiner freiwillig, also werden sie gezwungen.“
Nebenan ärgert sich Christl Schröder über die angebliche Dienstunfähigkeit der Feuerwehrkandidaten. Ein Drittel von ihnen ist plötzlich krank. Das Thema spaltet Familien.
O-Ton: Christl Schröder: „Ich seh‘ das auch an meinem eigenen Kind. Also ich habe einen 20-jährigen Sohn, der hier alle Geschütze auffährt, nur um sich da rauszuwinden. Ich sage: ‚Michi, was hast Du denn zu tun? Dein bisschen Asthma hindert doch wohl nicht.‘ Hier ist es jetzt irgendwie zu einem Volkssport geworden, Gründe zu finden, warum man nicht mitmachen kann. Die Leute wollen es nicht.“
Atemnot, Bandscheibenvorfälle, Übergewicht, Lähmungen: Pietzpuhl müsste einer Rehaklinik gleichen. Wenn man den Briefen glaubt, die den Ordnungsamtsleiter Hartmut Dehne erreichen. Aber der kennt seine Pietzpuhler.
O-Ton: Hartmut Dehne, Ordnungsamtsleiter, Pietzpuhl:
„Allergiker, les ich hier gerade. Von demjenigen weiß ich, dass er sportlich sehr aktiv ist. Und wenn man dann als Allergiker meint, den Feuerwehrdienst nicht durchführen zu können, dann ist das schon ein Grund zu sagen: ‚Gut, das möchten wir noch etwas näher beleuchtet wissen‘.“
Hartmut Dehne verlangt von den Kranken ein Attest vom Amtsarzt. Das konnten bisher nur sieben von zwanzig Leidenden vorlegen. Alle anderen Pietzpuhler zwischen 18 und 50 sind nun dabei – im Pool der unfreiwilligen Feuerwehrleute. Die Bürgermeisterin muss jetzt noch eine Auswahl treffen. Für die Betroffenen soll der neue Lebensabschnitt wenigstens ein wenig versüßt werden.
O-Ton: Roswitha Reinhold, Bürgermeisterin Pietzpuhl:
„Auf jeden Fall wird der Gemeinderat beschließen, dass eine Aufwandsentschädigung bezahlt wird an die Kameraden für die Dienstabende. Und der Förderverein hat schon signalisiert, alle Veranstaltungen sind für Kameraden frei, die im Kavaliershaus laufen.“
