Deutschland: An der Ostsee droht die erste Zwangsfeuerwehr
Ostholstein (Deutschland): Viele Freiwillige Feuerwehren in Schleswig-Holstein drücken akute Personalprobleme – jetzt droht im Kreis Ostholstein zum ersten Mal die Bildung einer Pflichtfeuerwehr.
Schon nach den Herbstferien könnten in der 1042-Einwohner- Gemeinde Kellenhusen Bürger zum Dienst verdonnert werden. Momentan arbeiten in dem Ostseebad nur 17 Leute in der Wehr – erforderlich wären 37. In zwei Dörfern der Gemeinde Schashagen (2536 Einwohner) ist die Situation ähnlich brisant.
„Wenn nicht bald etwas passiert und neue Mitglieder hinzukommen, kann alles ganz schnell gehen“, sagt Ostholsteins Kreiswehrführer Ralf Thomsen. Nach LN-Informationen sollen nach den Ferien Gespräche zwischen Vertretern des Kreises und der Feuerwehr stattfinden. Laut Brandschutzgesetz des Landes können alle Personen zwischen 18 und 50 Jahren zwangsverpflichtet werden.
Die Versuche, neue Mitglieder anzuwerben, waren zuletzt erfolglos. „Wir haben die Bevölkerung mit einem Schreiben informiert, für uns geworben. Die Resonanz war gleich Null“, sagt Kellenhusens neuer Gemeindewehrführer Christoph Rieck. „Was bleibt sonst außer einer Zwangswehr?“, fragt Wolfgang Kocks, Fachbereichsleiter Ordnung und Soziales des Amtes Ostholstein-Mitte. Kellenhusens Bürgermeisterin Ingelore Kohlert macht deutlich: „Eine Zwangswehr wäre eine Möglichkeit.“ Es wäre die erste in Ostholstein seit dem Zweiten Weltkrieg.
Bisher gibt es in Schleswig-Holstein erst wenige Beispiele für „unfreiwillige Feuerwehren“: Im Februar 2009 bildete Burg (Dithmarschen) eine Pflichtwehr, 2005 hatte List auf Sylt den Anfang gemacht. Auf der Nordseeinsel gab es damals nur 18 statt der erforderlichen 43 Feuerwehrleute. Die Freiwillige Wehr wurde aufgelöst, Einberufungsbescheide wurden verschickt. Wer sich weigerte, dem drohte ein Bußgeldbescheid. Doch wie viel Personal braucht eine Wehr? „Das hängt vom Fahrzeugbestand ab, und der orientiert sich an der Bebauung. Gibt es zum Beispiel ein Hochhaus, braucht ein Ort ab einer bestimmten Höhe einen Leiterwagen“, erklärt Peter Schütt, Landesgeschäftsführer des Feuerwehrverbandes Schleswig-Holstein. Jeder Wagen muss voll besetzt sein. Aktuell gibt es im nördlichsten Bundesland etwa 49 000 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren – vor zwölf Jahren waren es noch 56 000.
Die Einrichtung einer Zwangswehr ist für die Feuerwehrmänner und für die Mitarbeiter des Amtes Ostholstein-Mitte das letzte Mittel. Eine Berufsfeuerwehr sei aber auch keine Alternative, da sie zu teuer wäre, sagt Wolfgang Kocks. Aber auch jeder Freiwillige kostet viel Geld. Pro Person rechnet Kreiswehrführer Thomsen mit rund 1500 Euro für die Arbeitskleidung und 1000 Euro für die „im schnellsten Fall dreijährige Ausbildung“.
Doch nicht nur in Kellenhusen ist die Lage prekär: Auch Einwohner der Gemeinde Schashagen könnten bald gezwungen werden, in der Pflichtwehr zu löschen. Tagsüber sind nur 24 der 96 Feuerwehrleute in den fünf Wehren verfügbar. Die anderen können aufgrund ihrer Arbeit nur nachts eingesetzt werden. „Wenn etwas passiert, müssen alle Wehren ausrücken, egal ob mit ein, drei oder sechs Mann“, sagt Thomsen. Zudem springen die Kollegen aus Grömitz, Neustadt und Lensahn im Notfall ein.
