Mix

Kaprun: Flammenhölle im Skiparadies: Österreich hielt vor 10 Jahren den Atem an

Kaprun (Sbg): Blauer Himmel. Strahlender Sonnenschein. Perfekte Pisten. Was am strahlenden Morgen nach einem wunderbaren Skitag aussieht, endet an diesem 11. November 2000 mit 155 Toten in der Standseilbahn von Kaprun.

Dringend ist es. Ganz ganz dringend. Ich soll mich sofort auf den Weg nach Kaprun machen. Es ist was mit der Seilbahn passiert. Eine Kollegin aus der SN-Redaktion hat meine Frau am Festnetz alarmiert, die erwischt meinen Schwager am Mobiltelefon. Es ist 10.30 Uhr. Ich stehe mit ihm und meinen Freunden vom Lions Club Saalfelden in einem Wald in 1100 Metern Seehöhe. Wir holen Tannenzweige für unseren bevorstehenden Adventmarkt.

Das eigene Mobiltelefon liegt im Auto. Verdammt. Als ich im Laufschritt beim Wagen ankomme, habe ich 27 Anrufe in Abwesenheit. Was bitte ist da los? Ich schalte das Radio ein. „Eine Garnitur der auf das Kitzsteinhorn führenden Gletscherbahn ist heute Vormittag in Brand geraten. Nach Angaben der Gendarmerie waren in der Garnitur der Standseilbahn 180 Personen eingeschlossen. Es herrscht Großalarm im Bezirk Zell am See.“ Ein Brand? Feuer? So ein Blödsinn! Was soll in dieser Bahn, die nur aus Stahl, Aluminium und Kunststoff besteht denn brennen? Ich bin doch selbst Dutzende Male damit zum Skifahren auf den Gletscher des Kitzsteinhorns gefahren.

Oft war mir bang in dieser engen Kabine bei der Fahrt durch den Stollen. Wenn da ein Seil reißt, wenn dieser „Kübel“ stecken bleibt, wenn der Fels in Bewegung gerät – dann gute Nacht. Aber Feuer? Nie und nimmer. Gesicht an Gesicht, Körper an Körper mit über 100 anderen Skifahren in der wackeligen Kabine stehend, machte sich unter den Passagieren immer wieder Galgenhumor breit. „Nur zehn Minuten Angst haben, dann sind wir auf dem Gletscher, im Pulverschnee“, lautete der Trost.

Im Februar 1974 war die Urversion dieser Bahn in den Probebetrieb gegangen. Am 23. März 1974 lag die Betriebsgenehmigung vor. Die Stundenkapazität betrug 1200 Personen. Die Kosten dieser damals völlig neuartigen Standseilbahn lagen bei 41 Mill. Schilling (2,9 Mill Euro). Der Bau war nötig geworden, weil der Ansturm auf Salzburgs einziges und Österreichs erstes Gletscherskigebiet so enorm groß war. Es wurde 1965 und 1966 durch zwei Luftseilbahnen vom Tal zum Alpincenter und vom Alpincenter zur Gipfelstation erschlossen. 1965 betrug die Gästefrequenz 1618 Skifahrer. 1966 waren es 109.296, 1972 bereits 321.580. 1997 passierten 1,014 Millionen Skifahrer die Drehkreuze.

Der Anfang der 1970er-Jahre gebaute Stollen überbrückt 1500 Höhenmeter. Er verbindet zwei verschiedene Klimazonen. Der Unterschied der Temperatur zwischen Tal- und Bergstation liegt bei rund neun Grad. Je nach Wetter entsteht dadurch ein starker Luftzug. Ein Kamineffekt. Doppelte Luftschleusen wirken dem entgegen. Am 11. 11. 2000 sollte sich dieser Luftzug dennoch verheerend auswirken.

Im Radio kommt die nächste Meldung. „Zehn Personen wurden leicht verletzt aus der Standseilbahn geborgen.“ Die Uhr zeigt 11.06 Minuten. Wenig später heißt es: „Über die Lage in der brennenden Standseilbahn konnten die Rettungsmannschaften zunächst nur Vermutungen anstellen. ,Wir haben keinen Kontakt zu der Gondel, das ist das Problem derzeit.‘ Einsatzmannschaften versuchen, zur Seilbahn vorzudringen.“

Ich bin mittlerweile zwischen Zell am See und Kaprun unterwegs. Vor mir und hinter mir sind ganze Kolonnen von Rotkreuz- und Feuerwehrautos unterwegs. Es ist unglaublich. „Geht da die Welt unter?“, frage ich mich. Dann die Nachricht: „Bei den Rettungsteams ist bereits von einer ,Megakatastrophe‘ die Rede.“ Die Gewissheit, dass es wirklich so ist, nimmt zu: „Beim Brand der Standseilbahn sind vermutlich rund 170 Menschen ums Lebens gekommen. Der Zug brannte vollständig aus.“

Ich vereinbare mit meinen Kollegen, dass ich zur Jugendherberge Kaprun fahre. Dort ist ein Informationszentrum für all jene eingerichtet, die Angehörige auf dem Gletscher oder in der Bahn vermuten. Auf der Straße vor dem Haus hat sich eine Menschentraube gebildet. Das Handynetz ist mittlerweile zusammengebrochen. Aufgeschreckt durch Meldungen im Radio, versuchen Tausende, ihre Kinder, Freunde und Partner, die sie auf dem Kitzsteinhorn wissen, zu erreichen.

„Geht es dir gut? Dir ist nichts passiert? Gott sei Dank!“. Wer so ein Gespräch führen kann, der hat Glück. Viele bekommen aber keine Verbindung zustande. Die Verzweiflung wächst. Gerüchte machen die Runde. Es habe jemand in der Kabine der Gletscherbahn geraucht. Ein Anorak habe zu brennen begonnen. Es wäre Diesel für die Pistenraupen in der Kabine transportiert worden. Der habe zu brennen begonnen. Das alles stellt sich später als Unsinn heraus. Um 9.02 Uhr fährt die mit 150 Menschen besetzte „Kitzsteingams“ aus der Talstation. Um 9.05 Uhr stoppt die Garnitur plötzlich. Ein defekter Heizlüfter und in Brand geratenes Hydrauliköl hatten ein Flammeninferno im Tunnel entfacht. Binnen Minuten sterben 155 Menschen: 92 Österreicher, 37 Deutsche, acht Amerikaner, zehn Japaner, vier Slowenen, zwei Holländer, ein Engländer und ein Tscheche. Von den 155 Toten sind 31 unter 18 Jahren. Im Tal stehen 300 Rotkreuzhelfer bereit. Doch da ist nichts mehr zu retten. Im Tunnel hat sich die größte zivile Katastrophe der zweiten Republik ereignet.

Ab Montag, dem 8. November 2010, widmen sich die Salzburger Nachrichten in einem Schwerpunkt dem Jahrestag der Katastrophe von Kaprun. Lesen Sie dann unter anderem, wie die Kaprunerinnen und Kapruner mit dem Unglück fertig wurden.

Salzburger Nachrichten
155 Tote bei Seilbahnkatastrophe (Einsatzbericht des Webmasters von Fire-World)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert