USA: Rasend schnelle Feuerwände -> Texas‘ schwerste Waldbrände
Texas (USA): Texas befindet sich im Ausnahmezustand. Der US-Staat erlebt die heftigsten Waldbrände seiner Geschichte. 150.000 Quadratkilometer stehen in Flammen. Die Feuer sind per 6. September 2011 außer Kontrolle.
Shannon Lilie hatte genau fünf Minuten Zeit ihr Haus zu räumen. Fünf Minuten, um ein paar Sachen in eine Tasche zu stopfen, ihren sechs Jahre alten Sohn zu schnappen und auf das Feuerwehrauto aufzuspringen. Draußen vor ihrer Tür im Travis County nahe Austin raste eine Feuerwand mit 30 Stundenkilometer auf die Siedlung zu, in der sie lebt. Der Himmel über der texanischen Steppe war so weit man blicken konnte schwarz vor Ruß. Für die Bewohner der Steiner Ranch gab es nur noch eins: Wegrennen, so schnell es geht.
So wie Shannon Lilie geht es in Texas seit Tagen Tausenden von Menschen. Es brennt an allen Ecken des Staates, in 17 Landkreisen rasen mindestens 63 Buschbrände mit bis zu 50 Stundenkilometern über das Land. 500 Häuser sind bereits zerstört worden, 5000 mussten evakuiert werden. Und es ist kein Ende in Sicht.
„Wir können nur Leben retten“
„Ich befürchte, wir haben im Moment das Feuer zu null Prozent unter Kontrolle“, sagte Mary Kay Hicks, Sprecherin der texanischen Forstbehörde, erregt in einem Fernsehinterview. In ihren 18 Jahren bei der Behörde habe sie so etwas noch nie erlebt. „Wir kommen einfach nicht um diese Feuer herum, um sie einzudämmen. Das einzige, was wir im Moment tun können, ist Leben zu retten.“
In einem Fall ist dieses Vorhaben bereits misslungen. Im Ort Gladewater östlich von Dallas verbrannte am Sonntag, 4. September 2011, eine Mutter mit ihrem 18 Monate alten Kind. Sie schaffte es nicht, schnell genug aus ihrem Heim zu fliehen.
Die Ursache der Brunst ist eine Jahrhundertdürre unter welcher der gesamte amerikanische Süden schon seit Monaten leidet. Mangel an Regen und ein außergewöhnlich heißer Sommer haben dazu geführt, dass in Texas bereits im Juni der Notstand ausgerufen wurde. Die Großbauern hatten schon vor den Feuern einen Großteil ihrer Ernte eingebüßt. Viehherden mussten notgeschlachtet werden, weil man sie nicht mehr füttern konnte.
Der Tropensturm Lee, der in der vergangenen Woche über den Golf von Mexiko fegte, sollte nun endlich Linderung bringen. Doch die Regenfälle gingen sämtlich über dem Nachbarstaat Louisiana nieder. Texas bekam lediglich die Sturmwinde ohne das ersehnte Wasser ab, die nun dafür sorgen, dass die Flammen unkontrollierbar über das trockene Land rasen. „Alles was es hier noch an Vegetation gibt“, sagte Mary Kay Hicks, „ist reiner Zunder. Das fängt innerhalb von Sekunden Feuer.“
Unvorstellbare 150.000 Quadratkilometer brennen bereits. Doch die Behörden befürchten, dass das erst der Anfang ist. „Das kriegen wir nicht über Nacht unter Kontrolle, das wird ein langer Kampf“, sagte Ronnie McDonald, der Richter des Landkreises Bastrop im Süden der Staatshauptstadt Austin. Bastrop ist derzeit unter den 254 texanischen Landkreisen von den Bränden am schwersten betroffen. 476 Heime sind hier schon abgebrannt, 1.000 weitere sind bedroht.
Die texanischen Feuerwehrleute kämpfen einen verzweifelten Kampf gegen die Flammen. Im Großraum von Austin sind die Einheiten vollkommen überfordert. In der Kürze der Zeit konnten die Truppen nicht durch Kräfte von außerhalb des Staates entlastet werden. „Einige unserer Jungs sind seit Sonntagabend nonstop da draußen“, berichtete Jim Linardos, der Chef der Feuerwehr des Landkreises Travis, zu dem auch Austin gehört. „Jedes Mal, wenn wir uns umdrehen“, sagte Linardos, „brennt es woanders. Wir kommen einfach nicht nach.“
Keine Notunterkünfte
Die Feuer kamen so schnell, dass nicht einmal genügend Zeit war, für die Flüchtlinge Notunterkünfte einzurichten. Die Tausenden von Menschen, die vor den Feuern in Sicherheit gebracht werden mussten, fanden zum Teil in Kirchen Unterschlupf, zum Teil in Schul-Turnhallen. Bis das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen eintreffen, organisieren die Anwohner an vielen Orten die Nothilfe für die Flüchtlinge selbst. In einer Kirche in der Nähe von Bastrop stiftete der örtliche Pizzabäcker ein Abendessen für die rund 100 Flüchtlinge, der Elektronikladen spendierte zwei Fernsehapparate, die Nachbarn brachten Decken und Spielzeug für die Kinder.
Gouverneur Rick Perry, der als aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat der Republikaner gilt, brach am Sonntag abrupt eine Wahlkampfreise durch den Süden ab. „Ich kann im Augenblick wirklich nicht an Politik denken“, sagte er. „Dafür ist später noch genügend Zeit.“ Jetzt gehe es erst einmal darum Leben zu retten.
