Deutschland: Kiel bremst die Aktivitäten der Feuerwehrjugend
Kiel (Deutschland): Streit um neuen Erlass des Innenministeriums. Land verbietet gefährliche Übungen. Ausbilder fürchten um Attraktivität für Nachwuchs: „Nur noch eine Spielzeug-Feuerwehr“.
Empörung bei den Feuerwehren: Ein neuer Erlass des Kieler Innenministeriums für die Jugendwehren im Norden sorgt für mächtig Wirbel. Das Land verbietet ab sofort alle „einsatznahen Übungen“, bei denen Minderjährige starker Nässe oder großer Hitze ausgesetzt sind. Übermäßige körperliche Anstrengungen sind ebenso verboten wie die Teilnahme an echten Einsätzen. Der Protest einiger Wehrführer ist groß: Sie fürchten um den Feuerwehr-Nachwuchs und kündigen Widerstand an.
„Mit diesem Erlass wird uns jeglicher Handlungsspielraum bei der Nachwuchsarbeit genommen“, klagt Michael Raddatz. Der Kreiswehrführer im Herzogtum Lauenburg spricht von Bevormundung. Mehr noch: „Kiel stellt die Fürsorge der Feuerwehren für die Jugendlichen in Frage.“ Allein ist er mit seiner Kritik nicht: „Wenn man konsequent eine Teilnahme an realistischen Übungen ausschließt, wird das zwangsläufig zu Lasten der Motivation in den Jugendwehren führen“, klagt Stormarns Kreiswehrführer Gerd Riemann. Man müsse Jugendliche motivieren und das könne speziell bei den 16- bis 18-Jährigen nur praxisorientiert geschehen. „Andernfalls hat man nur noch eine Spielzeug-Feuerwehr“, klagt der Glinder Feuerwehr-Chef Michael Weidemann.
Das Kieler Innenministerium weist die Kritik zurück. „Mit dem Erlass haben wir Rechtssicherheit geschaffen, die die Wehrführer vor strafrechtlichen Konsequenzen schützen soll“, argumentiert Ministeriumssprecher Thomas Giebeler. Fakt sei, dass sich einige Wehrführungen in der Vergangenheit nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz gehalten hätten. „Uns sind eine Reihe von Fällen aus dem Land bekannt, in denen Minderjährige als aktive Einsatzkräfte mit zu teils tödlichen Unfällen ausgerückt sind“, berichtet Hans-Christian Willert. Auch bei der Familientragödie 2009 in Harrislee, bei der ein Familienvater seine Frau und Tochter erstochen und anschließend das Haus angezündet hatte, sollen Jugendliche im Einsatz gewesen sein. Immer häufiger musste die psychosoziale Notfallvorsorge des Landes aktiv werden und traumatisierte Jugendliche betreuen. Die Seelsorger schalteten schließlich das Ministerium ein.
Mehr noch: „Einige Jugendwarte aus dem Land sind an uns herangetreten mit der Bitte, für Rechtssicherheit zu sorgen, weil ihre Wehrführer bei Einsätzen 16- bis 18-Jährige losschicken wollten“, so Willert. Auch bei der Arbeit in den Jugendwehren Schleswig-Holsteins gebe es Ausbilder, die übers Ziel hinausschießen würden und Minderjährige beispielsweise unter Atemschutz durch verrauchte Wohnungen schicken würden. „Das ist unzulässig, was wir mit den neuen Richtlinien künftig unterbinden wollen“, sagt Willert.
