„Das Covid-Virus bleibt bei uns. Jeder von uns wird es früher oder später kriegen, außer er stirbt vorher“ – Infektiologe Allerberger auf Ö3

WIEN: Er ist der Leiter der Abteilung für „Öffentliche Gesundheit“ der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) und analysiert mit seinem Team täglich die Corona-Fallzahlen für ganz Österreich. In Ö3-„Frühstück bei mir“ präsentierte Prof. Franz Allerberger am 25. Oktober 2020 die neuen Erkenntnisse rund um das Corona-Virus:

„Es ist eine viel harmlosere Krankheit, als wir vor zehn Monaten gefürchtet haben, da dachten wir noch, die Sterblichkeit liegt bei 30 Prozent der Infizierten.“ Im Gespräch mit Ö3-Moderatorin Claudia Stöckl bestätigte Allerberger die neue Studie der Universität Stanford, die eine Corona-Sterblichkeit von 0,23 Prozent ausweist. Allerberger dazu auf Ö3: „Der Wert passt haarscharf zu unseren Daten.“

Allerdings, so der Salzburger weiter, auch wenn derzeit nur sieben Prozent der Intensivbetten in österreichischen Spitälern belegt sind, soll man sich vergegenwärtigen: „90 Prozent der Österreicher sind voll empfänglich und der Anteil älterer Menschen über 65 sollte nicht unterschätzt werden, weil dort der Anteil der Sterblichkeit deutlich höher ist, als bei der saisonalen Grippe.“

Besorgter Blick in den Winter

Besorgt blickt der Corona-Experte in den Winter: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht unser blaues Wunder erleben.“ Allerberger geht davon aus, dass „die Fallzahlen sich verdoppeln oder noch höher gehen werden. Wenn wir einmal 4.000 oder 5.000 Neuinfektionen am Tag haben, müssen wir damit rechnen, dass die medizinische Versorgung auf Engpässe trifft, dass wir Todesfälle in Altersheimen sehen werden und die Politiker dann massiv unter Druck kommen. Aber wir können im Prinzip die einzelnen Todesfälle nicht verhindern, sondern wir können nur den Ablauf ein bisschen nach hinten schieben – ‚Flatten the curve‘ wie es heißt.“

Den eigentlichen Gipfel der Covid-Infektionen sieht der Infektiologe „im Dezember oder Jänner“, und meint zur derzeit herrschenden Diskussion über die Verschärfung der Maßnahmen der Regierung: „Es ist nicht so, dass bei jeder Maßnahme hundertprozentig belegt ist, dass sie die richtige Wirkung hat. Die Sperrstunde vorverlegen ist ein gutes Beispiel. Viele sagen, das ist ein Fehler, weil die Leute dann privat feiern. Aber es ist eine von vielen Maßnahmen. Es signalisiert, dass wir eben soziale Kontakte reduzieren müssen. Es geht darum, das Problembewusstsein zu unterstreichen.“

Ausrottung kann man abhaken

Die anfänglichen Ankündigungen der WHO, dass das Virus ausgerottet werden könne, sind für den Infektiologen überholt: „Das muss man abhaken, das Virus wird bei uns bleiben. Die WHO wäre gut beraten, diese Darstellung fallen zu lassen. Jeder von uns wird es früher oder später kriegen, außer er stirbt vorher. Es wird keine einfache Lösung geben.“ Einen Impfstoff prognostiziert Allerberger frühestens für Juli 2021, außerdem meint er: „Ich wette mein letztes Hemd, dass auch kein Medikament kommt, weil Medikamente gegen Viren kann man an einer Hand abzählen. Also der Glaube stirbt zuletzt. Ich lasse mich überraschen, aber wenn das nicht kommt, werden wir noch Monate, wenn nicht ein, zwei Jahre mit Corona leben müssen.“

Sieht zweiten Lockdown als nicht notwendig

Franz Allerberger hat allerdings auch eine gute Nachricht. Einen zweiten Lockdown erachtet er in keinem Fall für notwendig: „Ich glaube, dass man mit Maßnahmen, die gelinder sind, das gleiche Ziel erreichen kann.“ Neue Erkenntnisse in Sachen Herdenimmunität geben auch Anlass zur Hoffnung, so der Epidemiologe: „Ursprünglich dachten wir, wir brauchen eine Durchseuchung von 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung, um eine Herdenimmunität zu erreichen, also damit das Ganze von selbst zum Stillstand kommt.

Die Werte von zum Beispiel Ischgl, Bergamo oder Wuhan zeigen, dass bereits eine Durchseuchung von 42 Prozent dazu führen könnte, dass die Leute sich nicht mehr gegenseitig anstecken. Daran wird weiter geforscht – stimmt es, würde es zu einer früheren Entspannung führen, als wir ursprünglich gerechnet haben.“

Ö3-„Frühstück bei mir“ – das große Interview der Woche, Persönlichkeiten ganz persönlich – jeden Sonntag von 9.00 bis 11.00 Uhr im Hitradio Ö3 und zum Nachhören auf https://oe3.ORF.at.

Hitradio Ö3 Öffentlichkeitsarbeit, 25. Oktober 2020

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