Medien / Fotografen

2.000 Reisende sitzen im Ärmelkanal-Tunnel fest

London (GB): Tausende Fahrgäste der Eurostar-Züge haben am Wochenende ein eisiges Winterdesaster erlebt. Mehr als 2.000 Reisende mussten bis zu 16 Stunden in dunklen und ungeheizten Eisenbahnwagen ausharren, nachdem im Tunnel unter dem Ärmelkanal vier Züge liegengeblieben waren.

Die Betreiber machten die klirrende Kälte in Nordfrankreich dafür verantwortlich, dass der Eurostar bei der Einfahrt in den vergleichsweise warmen Tunnel nicht mehr funktionsfähig war. Alle Verbindungen wurden vorerst eingestellt.

Unternehmenssprecher Paul Gorman sagte, mit Testzügen solle herausgefunden werden, warum die Bahnen in der Nacht zum Samstag, 19. Dezember 2009, ausfielen. Man hoffe, den Zugverkehr am (morgigen) Montag, 21.12., wieder aufnehmen zu können. Ein britischer Abgeordneter forderte wegen der Pannen den Rücktritt von Eurostar-Chef Richard Brown, wie die Nachrichtenagentur PA berichtete. Neben den technischen Problemen mit den hochmodernen Zügen entstand der Betreibergesellschaft ein enormer Imageschaden. Fahrgäste beschwerten sich massiv über mangelnde Information und Hilfe. Einige mussten im Dunkel ein Stück durch den Tunnel laufen, Augenzeugen berichteten von Panikattacken.

«Niemand wusste, was los war»:Man habe sie völlig sich selbst überlassen, schimpfte die Reisende Alison Sturgeon. «Die Zustände im Zug waren furchtbar. Wir haben wie Landstreicher auf dem Fußboden auf Zeitungen geschlafen, und niemand wusste, was los war.» Nie wieder werde sie mit einem Eurostar fahren, schwor sie. Ihr Mann Steven sagte, zwei Londoner Polizisten außer Dienst hätten den Leuten geholfen, nicht den Mut zu verlieren. Vom Eurostar-Personal habe sich niemand blicken lassen.
Lee Godfrey, der mit seiner Familie von Paris nach London zurückfuhr, sagte, in den Wagen seien Strom und Lüftung ausgefallen. Reisende hätten Asthma-Anfälle bekommen, andere seien in Ohnmacht gefallen. Einige hätten die Notausgänge selbst öffnen müssen, sagte Godfrey der BBC.

Gregoire Sentilhes erklärte, er habe die ganze Nacht im Ärmelkanal-Tunnel verbracht. «Um 06.00 Uhr morgens wurden wir dann von Feuerwehrleuten aus dem Zug geholt. Wir sind eineinhalb Kilometer mit unserem Gepäck gelaufen.» Niemand habe etwas zu Trinken gehabt oder sei informiert worden, was vor sich gehe.
Peinlich berührt bat das Eurostar-Management um Entschuldigung. «Eurostar tut es sehr, sehr leid, dass so viele Fahrgäste letzte Nacht und diesen Morgen in Unannehmlichkeiten waren», sagte Firmenchef Brown. «Wir arbeiten hart daran, die Fahrgäste nach Hause zu bringen.» Die Reisenden sollen eine Entschädigung von 150 Pfund (170 Euro) und ein kostenloses Ticket erhalten, außerdem wird ihnen der Fahrpreis erstattet. Dies sei ausgesprochen dürftig, zitierte PA den Abgeordneten Nirj Deva. Brown solle zugeben, dass Eurostar auf das Winterwetter «nicht angemessen vorbereitet» war, und er solle «etwas Anständiges tun und zurücktreten».

Stundenlange Staus in Dover und Calais: Selbst nach der Evakuierung aus dem Tunnel war die Kälte-Odyssee für etliche Reisende noch nicht vorbei. Mehrere beschwerten sich, dass Eurostar keine Weiterreise für sie arrangiert habe; stundenlang hätten sie auf südenglischen Bahnhöfen auf die Weiterfahrt nach London warten müssen. Am frühen Samstagmorgen kündigte das Unternehmen an, die Reisenden mit Extrazügen von London aus nach Hause zu bringen – und sagte diese Pläne nach wenigen Stunden wieder ab.
Das Eurostar-Desaster hatte auch für Fahrer, die den Autozug durch den Tunnel benutzen wollten, unangenehme Folgen. In Südengland standen viele zwölf Stunden im Stau; Rot-Kreuz-Helfer verteilten warme Getränke. Die Verkehrsbehinderungen betrafen den Raum Dover und Folkestone ebenso wie Calais in Frankreich.

Yahoo News

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert