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Deutschland: Feuerwehr Hattersheim -> Gefahr für den Einsatz

Hattersheim (Deutschland): Die Hattersheimer Freiwillige Feuerwehr ist momentan quasi führungslos. Fast der komplette Wehrausschuss hat seinen Rücktritt eingereicht. Darunter der ehrenamtliche Wehrleiter Michael L.

Der 34-jährige Frankfurter Berufsfeuerwehrmann geriet unlängst schon einmal in die Schlagzeilen: Er stand wegen unterlassener Hilfeleistung am Notruftelefon vor dem Frankfurter Amtsgericht. Das Verfahren gegen ihn wurde zwar gegen eine Zahlung von 2500 Euro eingestellt, doch in Hattersheim kochte nach diesem Verfahren ein lange schwelender Streit wieder hoch.
Im Internetforum „Wer-kennt-wen“ ist zu lesen, dass die 20 Mitglieder der Feuerwehr auf der Jahreshauptversammlung einen offenen Brief an den Bürgermeister übergeben hatten, in dem sie den Führungsstil der Wehrführung kritisierten.
Zudem wurde in einem anonymen Brief an die Frankfurter Rundschau Bürgermeister Hans Franssen (SPD) vorgeworfen, er habe Disziplinarmaßnahmen gegen zwei Feuerwehrleute verhindert, obwohl sie „wiederholt gegen Anordnungen und gute Sitten verstoßen haben und eine Gefährdung für den Einsatzdienst darstellten“. Einer der beiden sei ein Freund des Bürgermeisters, heißt es in dem Schreiben weiter.

Franssen dementierte dies gegenüber der FR mit den Worten: „Das ist lächerlich.“ Zwar habe es „frappierende“ Vorfälle gegeben; Fehler seien jedoch auf beiden Seiten gemacht worden. Sowohl aufseiten der Führungsriege als auch bei denen, die sich „brüskiert gefühlt“ hätten. Details möchte er nicht nennen, denn er hoffe, noch vermitteln zu können.

Vermittler scheiterten bislang
Bisherige Moderationsversuche gingen fehl. Den ersten von der Stadt eingesetzten Vermittler akzeptierte die Wehrleitung nicht, weil er „feuerwehrfremd“ gewesen sei, so Franssen. Der zweite Vermittler entstammte zwar der Feuerwehr, über eine Bestandsaufnahme aller Vorfälle, wie etwa Mobbing, sei es jedoch nicht hinaus gegangen. Die Feuerwehr habe eigene Gesetze, sagte Franssen. Eines dieser Gesetze in Hattersheim scheint zu sein, dass man in dieser Geschichte mauert. Niemand möchte sich öffentlich äußern aus Angst, mehr Öl ins Feuer zu gießen.
Bislang haben der Wehrleiter L., sein Stellvertreter Thomas Grazioli, sowie fünf Mitglieder des Wehrausschusses ihren Rücktritt eingereicht. Da sie Ehrenbeamte der Stadt sind, muss über ihren Rücktritt der Magistrat entscheiden. Der Brandschutz sei laut Stadtbrandinspektor aber gesichert, beruhigte Franssen.

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112 – Hier werden Sie nicht geholfen

Entweder hat Michael L. einfach Pech mit den Menschen, die ihn anrufen. Oder er hat ein problematisches Menschenbild. „Alle, die sich melden, sind arbeitslos, und alle wollen sofort einen Notarzt.“ Michael L. vermittelt keine Arbeitsplätze. Der 34-jährige Berufsfeuerwehrmann nimmt Notrufe entgegen.

Am frühen Morgen des 1. März 2009 ruft Mehsa L. dort an. Die 30-jährige ist keine Arbeitslose im klassischen Sinn, sondern Jura-Studentin kurz vor dem ersten Staatsexamen. Ihrer Mutter geht es schlecht. Sie leidet an Herzrasen, Fieber, Atemnot, Ausschlag. Michael L., dessen Verhalten beim ersten Anruf noch von kühlem Desinteresse geprägt ist, tippt von fern auf einen grippalen Infekt und verweist auf den ärztlichen Notdienst. Mehsa L., die sich höflich bedankt, ruft kurz darauf noch einmal an, weil sie in der Aufregung die Nummer des Notdienstes vergessen hat.

Beim dritten Anruf ist sie aufgeregter. Der Mutter geht es schlechter, der Notdienst kann nicht kommen. „Ich brauche sofort einen Notarzt, sie kotzt sich die Seele aus dem Leib.“ „Wenn Sie sich nicht benehmen können, dann haben Sie Pech gehabt, dann gibt´s auch keine Hilfe“, blafft L. sie an. Sie will seinen Namen wissen. „Mein Name ist Feuerwehr“, sagt der und legt auf.

Beim vierten Anruf ist Mehsa L. völlig aufgelöst. Diesmal geht ein Kollege von L. dran. „Heißen Sie auch Feuerwehr?“ fragt sie unter Tränen. „Ja, wir heißen alle so“, sagt der. Erst als sie die Symptome schildert, ist der Kollege alarmiert – und schickt einen Rettungswagen, die Polizei hinterher. Man will die Anruferin wegen Missbrauch des Notrufs anzeigen, nachdem die selbst mit einer Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung gedroht hat.

Die nächsten Anrufe, die aufgezeichnet werden, laufen zwischen Polizei und Feuerwehr. Wie es denn laufe mit „der Tante, die ins Telefon geplärrt hat“, will Michael L. wissen. Schlecht, antwortet ein Polizist. Die Mutter liegt mit einem schweren allergischen Schock im Krankenhaus. Sie wird auch eine Woche lang dort bleiben müssen. „Ich nenne auch nicht Eure Namen, soll sie selbst rausfinden“, sagt der Polizist.

Mehsa L. hat die Namen rausgefunden. Und bricht erneut in Tränen aus, als das Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung vom Amtsgericht gegen eine Zahlung von 2500 Euro an eine Hilfsorganisation eingestellt wird.

„Es fällt mir schwer, ruhig zu bleiben, aber schlechtes Benehmen ist nicht strafbar“, sagt der Richter. Michael L´s „unfassbares, unmögliches Verhalten“ sei „von Selbstherrlichkeit geprägt“. „Sie sollten sich überlegen, ob Sie nicht in einen Job wechseln, bei dem sie anderen Menschen keinen Schaden zufügen.“ Strafrechtlich bewegen sich dieser Fall und der Nachweis der unterlassenen Hilfeleistung aber auf dünnem Eis. Die aufgezeichneten Anrufe sind immerhin der Beweis für den Umgang, die die völlig schuldlose Mehsa L. in einer verzweifelten Situation erdulden musste.

Er habe seinen Namen am Telefon nicht genannt, sagt der ziemlich reuelos wirkende Michael L. vor Gericht, weil es in Frankfurt „viele Kulturen gibt, die lösen ihre Probleme anders als vor Gericht. Ein Drama in einer orientalischen Familie – da ist manchen nicht mehr klar, wer Herr im Haus ist.“ Bei Mehsa L., der deutschen Jura-Studentin mit iranischen Wurzeln, scheint er an eine streitbare Kultur geraten zu sein. Sie will zivilrechtlich weiterkämpfen.

Begleitartikel:
Interview mit Frankfurts Feuerwehrchef: „Ich war geschockt“
Herr Ries, am Mittwoch stand der Feuerwehrmann Michael L. vor Gericht, der in der Leitstelle arbeitete und einer jungen Frau Hilfe verweigerte. Wie haben Sie reagiert, als Sie vom Verhalten Ihres Mitarbeiters hörten?
Ich war geschockt. Der Kollege hat sich nicht ordentlich verhalten, das ist keine Frage. Ich wollte und konnte mich dazu aber nicht öffentlich äußern, schließlich lief ein Strafverfahren. Damit war klar, dass wir das Thema auf der Dienststelle nicht mehr diskutieren können.

Die Feuerwehr ist kein privates Unternehmen, das Leute kündigen kann. Die Stadt hat nun ein dienstrechtliches Verfahren eingeleitet, in dem über Konsequenzen diskutiert wird. Anders gefragt: Möchten Sie, dass Herr L. weiter bei der Feuerwehr arbeitet?
Ich darf Ihnen diese Frage im Moment nicht beantworten. Sonst würde ich ja das Verfahren der Stadt beeinflussen. Eines möchte ich aber sagen: Der Kollege ist nicht als Raubein bekannt. Er hat sich zuvor nie etwas zu Schulden kommen lassen. Und er ist bestimmt kein Sadist, wie die FR im Kommentar schrieb.

Wie ist sein Verhalten dann zu erklären?
Die Arbeit in der Leitstelle ist nicht leicht. Da laufen neben vielen tausend echten Notrufen auch Anrufe auf, die glaubt einem kein Mensch. Beleidigungen, Provokationen alles Mögliche. Aber das soll keine Entschuldigung sein. Was der Kollege gemacht hat, geht nicht. So etwas hat es auf der Leitstelle auch noch nie gegeben.
Vor Gericht zeigte L. am Mittwoch wenig Reue und erklärte, alle Anrufer seien arbeitslos. Wie bewerten Sie solche Aussagen?[/i]
Ich war im Gerichtssaal nicht dabei, deshalb will ich dazu keine Stellung nehmen. Unser Personalrat hat einen Vertreter geschickt. Mit dem werde ich mich beraten.

Wird der Ruf der Feuerwehr unter dem Vorfall leiden?[(/i]
Ich hoffe nicht. Wir haben einen guten Ruf – bundesweit. Der sollte nicht durch so einen Einzelfall Schaden nehmen.

[i]Wird das Verhalten von Herrn L. Konsequenzen für Ausbildung und Schulung haben?
Mit Sicherheit. Wir führen ja regelmäßig Schulungen durch. Auch für die Kollegen in der Leitstelle. Es ist durchaus möglich, dass dieser Fall als negatives Beispiel behandelt wird.

Frankfurter Rundschau

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