D: Drei Tote bei Explosion von Weltkriegs-Bombe in Göttingen
Göttingen (Deutschland): Bei der Entschärfung eines 65 Jahre alten Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg sind am Dienstagabend, 1. Juni 2010, in Göttingen drei Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes ums Leben gekommen.
Zwei weitere wurden schwer und vier leicht verletzt, wie Stadt und Feuerwehr mitteilten. Die Experten hatten den Angaben zufolge Vorbereitungen für die Entschärfung der Zehn-Zentner-Bombe getroffen. Eine großangelegte Evakuierung der Bevölkerung lief während der Explosion noch. Die Schwerverletzten schwebten nach Angaben der Uniklinik Göttingen nicht in Lebensgefahr, die Leichtverletzten wurden vor Ort versorgt. Der Sprengkörper detonierte nach unterschiedlichen Angaben zwischen 21.30 und 21.45 Uhr auf dem Schützenplatz der Universitätsstadt, auf dem derzeit eine Sportarena gebaut wird. Bei den Bauarbeiten war die Bombe in sieben Metern Tiefe entdeckt worden.
Die Bombe sollte nach einer Evakuierung der Anwohner am Abend entschärft werden. Die Evakuierung wollte die Stadt um 19.00 Uhr einleiten. Nach den Plänen der Stadt sollten rund 7.200 Menschen in einem Umkreis von 1.000 Metern rund um den Fundort evakuiert werden; es war bereits der zweite Fund einer Bombe binnen weniger Tage in dem Stadtgebiet. Stadtsprecher Detlef Johannson sagte auf DAPD-Anfrage, die Evakuierung sei noch im Gang gewesen, als die Bombe explodierte. Die Kampfmittel-Experten hätten aber erst Vorarbeiten zur Abtrennung des Zünders eingeleitet und noch nicht an der Bombe selbst gearbeitet. Hunderte von Einsatzkräften der Berufsfeuerwehr, der freiwilligen Feuerwehren, von Polizei und Bundespolizei sowie von Rettungs- und Hilfsdiensten und städtischen Diensten sollten zu der Evakuierung im Einsatz sein.
Die Bombe sollte den Plänen zufolge gegen 22.30 Uhr entschärft werden, nachdem der letzte ICE auf der nahe liegenden Trasse vorbeigefahren wäre. Die Bombe explodierte beim Aufbau der Technik zur Entschärfung, wie Feuerwehrsprecher Frank Gloth sagte. Die Explosionsstelle wurde im Umkreis von 300 Metern weiträumig abgesperrt, auch der Bahnverkehr wurde gesperrt. Unfallseelsorger waren im Einsatz. Nach Angaben des Stadtsprechers waren Feuerwehr und Technisches Hilfswerk unterwegs, um zu überprüfen, ob die angrenzenden Gebäude Schaden genommen haben. Noch in der Nacht sollte dann entschieden werden, ob die Anwohner in ihre Häuser zurückkehren können. Von sichtbaren Schäden sei aber nichts bekannt. Die gesperrte Bahnstrecke wurde kurz nach 00.30 Uhr wieder freigegeben.
Auf dem Schützenplatz in Göttingen war bereits in der Nacht zum vergangenem Freitag ein 500-Kilo-Bombe (zehn Zentner) entschärft worden. Dabei mussten 5.000 Bürger ihre Wohnungen verlassen. Auch der Göttinger Hauptbahnhof wurde für die Entschärfung am vergangenen Donnerstagabend geräumt. Die Entschärfung verlief dann planmäßig.
Stichwort: Kampfmittelräumdienst
Der Kampfmittelräumdienst ist in Deutschland für die Beseitigung von Munition aus den beiden Weltkriegen zuständig. Organisiert wird er vom jeweiligen Bundesland: In Niedersachsen ist er dem Innenministerium angegliedert, in Hamburg der Feuerwehr, in Bayern etwa privat organisiert.
In Niedersachsen hat der Räumdienst 44 Mitarbeiter, darunter bisher sechs Sprengmeister, die die Entschärfung von Bomben übernahmen. Gewöhnlich kommen die Räumer bei Bauarbeiten zum Einsatz, bei denen das Gelände auf Blindgänger geprüft werden muss. Bundesweit wird in Deutschland pro Tag etwa eine Bombe entdeckt. In Niedersachsen lag die Zahl der Funde im vergangenen Jahr bei etwa 80. Meist handelt es sich um Munition aus dem Zweiten Weltkrieg.
«Die Räumer sind sehr gut ausgebildet, sie kennen alle Zünder und wissen, wie man sie entschärft», betonte Volker Scherff vom Bund Deutscher Feuerwerker und Wehrtechniker (BDFWT). Aber jede Bombe stelle die Experten vor neue Herausforderungen. «Man ist schon nervös und hat großen Respekt vor der Munition», berichtete er. «Wenn es vorzeitig zur Detonation kommt, hat man keine Chance.»
Rätselraten über die Explosion
Nach der Explosion einer Weltkriegsbombe mit drei Toten in Göttingen ist die Ursache für das Unglück noch völlig rätselhaft geblieben. Die Polizei setzte eine 24-köpfige Sonderkommission ein, um die Umstände der Detonation zu klären. Die Mitarbeiter des niedersächsischen Kampfmittelräumdienstes hatten am Dienstagabend noch nicht mit der Entschärfung begonnen, als die Bombe plötzlich hoch ging und drei Männer in den Tod riss.
Bei der Explosion um 21.36 Uhr auf einer Baustelle am Rande des Göttinger Schützenplatzes wurden zwei weitere Mitarbeiter des niedersächsischen Kampfmittelräumdienstes schwer verletzt, sie schweben laut Polizei aber nicht mehr in Lebensgefahr. Sechs weitere Mitarbeiter erlitten einen Schock oder leichte Verletzungen. Die ums Leben gekommenen Bombenspezialisten im Alter von 55, 52 und 38 Jahren galten als sehr erfahren.
Sprecher von Polizei und Feuerwehr sagten in Göttingen, die Explosion sei völlig überraschend erfolgt. Zu diesem Zeitpunkt sei noch nicht an der Zehn-Zentner-Bombe mit Säurezünder gearbeitet worden. Dies sollte erst nach Einrichtung eines Sperrbezirks mit einem Radius von tausend Metern und nach Passieren der letzten ICE-Züge auf einer benachbarten Bahntrasse gegen 22.30 Uhr erfolgen.
Am Donnerstag der vergangenen Woche war wenige Meter entfernt die Entschärfung einer anderen Bombe ohne Zwischenfälle gelungen. Dagegen habe es beim Freilegen des zweiten Sprengkörpers auf der Baustelle Probleme mit dem starken Grundwasser gegeben, sagte ein Feuerwehrsprecher. Die Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg habe bei der Explosion noch am Ort ihres Auffindens gelegen. Am Wochenende hatte auf dem Schützenplatz noch ein Flohmarkt stattgefunden.
Die Ermittlungen zur Unglücksursache gestalten sich schwierig. Die Untersuchungen an der Explosionsstelle konnten erst am Mittag beginnen. Zunächst mussten Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes aus Thüringen das direkte Umfeld nach weiteren Bomben untersuchen, bevor das Gelände freigegeben werden konnte. Rund um den Unglücksort blieb zunächst ein Sperrbezirk von 300 Metern bestehen, von dem auch Schulen und Unternehmen betroffen waren.
Der Göttinger Stadtrat Hans-Peter Suermann sagte: „Göttingen steht unter Schock.“ Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sagte bei der gemeinsamen Pressekonferenz: „Wir trauen in tiefem Mitgefühl mit den Angehörigen der drei Männer.“ Nach seinen Worten werden die Angehörigen der Todesopfer psychologisch betreut.
ORF-Bericht:
Beim Versuch, eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen, sind gestern Abend im deutschen Göttingen drei Menschen ums Leben gekommen. Es habe zudem zwei Schwerverletzte und vier Leichtverletzte gegeben, sagte der Sprecher der Stadt Göttingen, Detlef Johannson. Bei den Toten handle es sich um Angehörige des Kampfmittelbeseitigungsdiensts des Landes Niedersachsen.
Die Experten hatten am Abend mit Vorbereitungen für die Entschärfung eines Blindgängers begonnen. Die mit einem Säurezünder ausgerüstete Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg war auf dem Göttinger Schützenplatz in sieben Meter Tiefe entdeckt worden. Etwa eine Stunde vor der geplanten Entschärfung habe es gegen 21.30 Uhr eine Explosion gegeben, sagte Johannson. Zu diesem Zeitpunkt habe niemand an der Bombe gearbeitet.
Gewaltige Detonation: Zeugen berichteten, die Detonation sei so heftig gewesen, dass der Knall noch in einigen Kilometern Entfernung zu hören gewesen sei. Die Evakuierung des Gebiets im Umkreis von einem Kilometer um den Bombenfundort mit rund 7.000 Einwohnern war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen. Wodurch die Explosion verursacht wurde, konnte der Stadtsprecher am Abend noch nicht sagen. In Göttingen kursierende Gerüchte, eine Gasleitung sei explodiert, bestätigte er nicht. In einiger Entfernung zum Bombenfundort verlaufe zwar eine größere Gasleitung. Nach Angaben der Stadtwerke habe es aber keinen Druckabfall gegeben, so dass eine Gasexplosion auszuschließen sei. Fachleute von Polizei und Feuerwehr waren am späten Abend noch dabei, den Explosionsort genauer zu untersuchen.
