Deutschland: Höhenrettung -> „Wer hier einen Fehler macht, fällt richtig tief“
Frankfurt (Deutschland): Angehende Feuerwehrmänner müssen mehr können als nur Brände löschen. Vor allem müssen sie unbedingt schwindelfrei sein und sich auch in gefährlichen und heiklen Situationen sicher in großen Höhen bewegen können.
16. November 2010. Ein riesiger dunkler Schacht. Hundert Meter hoch, fünfzig Meter breit. Nichts als Stein und Stahl. Und Kai Öhlschlegel steht mittendrin. Er ist nicht allzu groß, eher schlank. Einer, der eigentlich Bankkaufmann ist, jetzt aber lieber Feuerwehrmann werden will. Er atmet einmal tief durch, dann ein zweites Mal. Langsam geht ihm auf, dass ein Heizkraftwerk doch etwas anderes ist als das Übungsgelände der Feuerwache. „Wenn man hier einen Fehler macht, fällt man tief. Und zwar so richtig.“
Es ist kurz nach neun am Morgen. Öhlschlegel ist im Mannschaftsbus mit etwa zwanzig Kollegen zum Heizkraftwerk an die Gutleutstraße gefahren worden. Sie haben gemeinsam gefrühstückt, in der Betriebskantine, dem scheinbar einzigen Raum in diesem riesigen, steinernen Labyrinth, in dem das sonore Brummen der Heizkraftanlage nicht zu hören ist. Es gab Wurstbrötchen und Milch.
„Der Klassiker sind Dacharbeiten“
Aber nun steht Kai Öhlschlegel auf der vierten Empore, in etwa fünfzehn Meter Höhe, und lauscht den Anweisungen von Feuerwehrausbilder Georg Schmidt. Die Aufgabe lautet, auf dem schmalen Sims entlang der Brüstung zu balancieren, einmal rund ums Karree. Natürlich gesichert, mit Seilen und Karabinerhaken, die schon griffbereit auf dem Boden liegen. Haken und Ösen in unterschiedlichen Größen. „Auf, Männer“, ruft Schmidt.
Er weiß nur zu gut, wie wichtig die Ausbildung im Klettern und Sichern ist. Gerade bei Einsätzen, bei denen diese Fähigkeiten gefragt sind, kommt es immer wieder zu Unfällen. „Der Klassiker sind Dacharbeiten.“ Lockern sich Ziegel bei einem Sturm, wird die Feuerwehr gerufen, um die Ziegel zu entfernen. Je nach Dachkonstruktion ist das eine mitunter lebensgefährliche Aufgabe. „Wenn man dann mal einen Moment nicht aufpasst, passieren schnell Fehler mit manchmal fatalen Folgen.“ Deshalb schärft er seinen Männern an diesem Morgen ein, sich zu konzentrieren. Das sei das Wichtigste, sagt Schmidt.
„Nicht zu locker und nicht zu fest“
Als der Erste über die klapprige Brüstung steigt, auf den schmalen Sims, mit dem Rücken zum Abgrund, atmet Öhlschlegel wieder tief durch. Vor ein paar Minuten haben die Männer noch Witze gerissen und rumgealbert. Dann sind sie von einem Moment auf den anderen still geworden. Jetzt sind sie ernst und betonen jedes Wort, das sie einander zurufen. Denn jetzt muss sich jeder hundertprozentig auf den anderen verlassen können.
Kai Öhlschlegel soll den Kollegen, der nun als Erster die Brüstung entlangklettert, sichern. Er nimmt das etwa zwanzig Meter lange Seil, das zusammengerollt auf dem Boden liegt, auf und knotet es um einen Mast, der ihm stabil genug erscheint, um notfalls auch 90 Kilogramm Gewicht zu halten. Dann nimmt er das Tau in die Hand, um seinen Kollegen zu führen. Der hat bereits den ersten Karabinerhaken gesetzt. Als Metall auf Metall schlägt, macht es laut „Klonk“ – ein Geräusch, das die Männer von nun an bis zum Nachmittag begleiten wird. „Noch mehr Seil“, ruft der Feuerwehrmann, und Öhlschlegel zieht von hinten nach. „Nicht zu locker und nicht zu fest“, sagt Georg Schmidt, der jeden Schritt verfolgt. Immer weitere Karabinerhaken werden gesetzt, schließlich ist der erste Teil der Übung geschafft. Kai Öhlschlegel entspannt sich, als sein Kollege wohlbehalten wieder über die Brüstung steigt. Dann ist er selbst an der Reihe.
Immer nur kurze Anweisungen
Nein, aufgeregt sei er eigentlich nicht, sagt er, „eher konzentriert-angespannt“. Öhlschlegel erinnert sich an die Trockenübung, die die Männer während des Unterrichts auf der Feuerwache gemacht haben: Dabei haben sie gelernt, wie man die Karabinerhaken setzen muss, um durch das Seil immer abgesichert zu sein. Der Körper muss immer irgendwo fixiert sein, damit die Hände frei sind, um zu arbeiten.
Nun versucht Öhlschlegel, sich die einzelnen Schritte ins Gedächnis zu rufen. Eine Hand an der Brüstung, die andere am Gurt, wo die kleinen Karabinerhaken hängen, legt er los. Er arbeitet sich zügig vor, Meter für Meter. Dabei ist er so konzentriert, dass er seinem Kollegen, der jetzt ihn sichert, immer nur kurze präzise Anweisungen gibt. „Mehr Seil“, ruft er. Dann macht er weiter, Schritt für Schritt, immer den schmalen Vorsprung entlang.
Ein kleiner Fehler und es geht drei Meter in die Tiefe
„Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn man abrutscht und fällt“, hatte er noch gesagt, bevor er über die Brüstung stieg. Zwar falle man bei richtiger Sicherung nicht tief, aber wer das Gefühl nicht kenne, verliere schnell die Kontrolle. „Im schlimmsten Fall baumelt man dann am Seil und schlägt mit dem Körper irgendwo gegen.“ Deshalb sei es so wichtig, zu wissen, wie man fällt.
Diese Erfahrung muss der Dreißigjährige an diesem Vormittag nicht machen. Allerdings gibt es eine heikle Situation, als er die erste Gerade geschafft hat und nun an die Ecke kommt. Im 90-Grad-Winkel geht es auf die nächste Gerade. Der Sims, der Öhlschlegel eigentlich Trittsicherheit geben sollte, fehlt an dieser Stelle, so dass er einen weiten Ausfallschritt machen muss, um auf die andere Seite zu kommen. Wenn er an dieser Stelle einen Fehler machen sollte, würde er etwa drei Meter in die Tiefe stürzen. Denn die kleinen Karabinerhaken können hier nicht gesetzt werden, und das Seil, das an der Brüstung fixiert ist und ihn im Notfall halten soll, ist hier besonders lang.
Nach dem Klettern schweißgebadet
Georg Schmidt stellt sich auf der anderen Seite der Brüstung zu Kai Öhlschlegel. Er soll für die Ecke die größeren Haken nehmen und sich dann vorsichtig auf die andere Seite hinüberschieben. „Dann kann nichts passieren.“ Öhlschlegel gehorcht, allerdings sind die großen Karabiner weitaus schwieriger zu handhaben als die kleinen. So dauert es einige Minuten, bis er so weit ist. Doch dann klettert er sicher über die Ecke auf die nächste Gerade. „Gut gemacht“, sagt Schmidt.
Als Öhlschlegel nach weiteren zehn Minuten einmal um den gesamten Schacht geklettert ist, ist er schweißgebadet, aber erleichtert. „Ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man die Handgriffe auch in Stresssituationen beherrscht“, sagt er. „Hoffentlich funktioniert das auch so gut, wenn wir später im Einsatz bei Wind und Regen auf Dächern unterwegs sind.“
Jugendtraum erfüllt
Frühestens im Januar wird Öhlschlegel solche Situationen erleben. Dann hat er sein erstes Praktikum auf der Wache. Seine ganze Jugendzeit über war er bei der Freiwilligen Feuerwehr in seinem Heimatort bei Wetzlar aktiv. Ja, ein bisschen kenne er sich mit den Strukturen schon aus, sagt er. „Allerdings ist eine Berufsfeuerwehr, zumal in Frankfurt, noch einmal eine ganz andere Herausforderung.“ Das hat Öhlschlegel schon beim Einstellungstest bemerkt, bei dem die Bewerber neben einem schriftlichen Eignungstest mit Rechen- und Logikaufgaben auch zeigen mussten, wie fit sie sind. Sie mussten in einer vorgegebenen Zeit eine 30 Meter hohe Leiter hochklettern, einen Fitnessparcours absolvieren und mit schweren Schläuchen Treppen steigen. „Wenn man dann nicht unbedingt kräftig gebaut ist, dann ist das echt schwer“, erinnert sich Öhlschlegel. Er sei bei dem Test jedenfalls an seine Grenzen gekommen, habe es aber schließlich „mit eisernem Willen“ geschafft.
Als die Männer gegen Mittag Pause machen, nimmt sich Öhlschlegel eine Flasche Wasser, setzt sich in eine stille Ecke und ruht sich aus. Dass die Ausbildung so gar nichts mit seinem vorherigen Beruf als Bankkaufmann zu tun hat, das genießt er sehr. „Als ich dreißig geworden bin, habe ich eine Entscheidung treffen müssen: weitermachen wie bisher, dann wohl für den Rest meines Lebens, oder doch Feuerwehrmann werden, wie es immer mein Jugendtraum war.“ Da habe er nicht lange überlegen müssen, sagt er heute.
Alle Muskeln spüren
Direkt nach dem Mittag geht das Training weiter. Diesmal geht es noch zwei Stockwerke höher. Die Männer sollen auf einer Leiter, die aus weit auseinanderliegenden Eisenstangen besteht, zehn Meter in die Höhe klettern. Der Abstand zwischen den Sprossen beträgt etwa einen halben Meter, die Übung zehrt an den Kräften.
Am Ende – es ist inzwischen spät am Nachmittag – ist Kai Öhlschlegel vollkommen erschöpft. Er werde morgen wohl alle seine Muskeln spüren, meint er. Die Männer packen ihre Sachen zusammen, rollen die Seile wieder auf und verstauen die Karabinerhaken. Dann verlassen sie den riesigen schwarzen Schacht, der sie einen Tag lang so viel Kraft und Schweiß gekostet hat. Zurück bleibt nur das sonore Brummen der riesigen Heizkraftanlage.
Zusatzinfo seitens der Fire-World-Redaktion: In Oberösterreich steht das Stützpunktsystem „Höhenrettung“ in den Startlöchern. Nicht als Mitbewerb für andere Organisationen, sondern zur Eigensicherung. Heft 6 des Feuerwehrmagazins BRENNPUNKT wird darüber im Dezember informieren.
