Großbritannien: 81 Prozent der Feuerwehren ändern Einsatzplanung wegen Problemen mit der Löschwasserversorgung
GROSSBRITANNIEN: Zu geringer Wasserdruck, unzureichende Durchflussmengen und Probleme mit Hydranten wirken sich in Großbritannien zunehmend direkt auf die Einsatzplanung der Feuerwehren aus. Eine im Sommer 2026 durchgeführte Erhebung des National Fire Chiefs Council (NFCC) zeigt: 81 Prozent der teilnehmenden Fire and Rescue Services haben ihre vorgeplanten Einsatzmaßnahmen in Gebieten geändert, in denen Schwierigkeiten mit einer ausreichenden Löschwasserversorgung bekannt sind.
Der NFCC hat die Ergebnisse im September 2026 gemeinsam mit einem neuen Positionspapier zur Löschwasserversorgung veröffentlicht. Darin warnt die Organisation vor Defiziten bei Verfügbarkeit, Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Wasserinfrastruktur.
Jede zweite Feuerwehr erlebt Probleme mit Druck oder Wassermenge
Die Ergebnisse der Erhebung fallen deutlich aus. Neben den 81 Prozent, die ihre vorgeplanten Einsatzmaßnahmen angepasst haben, gaben 58 Prozent der Feuerwehren an, wegen größerer Ausfälle der Wasserversorgung zusätzliche Maßnahmen eingeführt zu haben. 50 Prozent der befragten Dienste treffen nach eigenen Angaben zumindest häufiger auf Situationen, in denen Wasserdurchfluss oder Druck für den Feuerwehreinsatz nicht ausreichen. 35 Prozent berichten zudem, dass Wasserversorgungsunternehmen den Durchfluss oder Druck bei Bedarf zumindest häufiger nicht ausreichend erhöhen können.
Für die Feuerwehr kann dies erhebliche taktische Auswirkungen haben. Einsatzkräfte müssen alternative Hydranten suchen, auf andere Leitungsbereiche ausweichen oder zusätzliche Wasserquellen erschließen. Gerade in der Anfangsphase eines Brandes können dadurch Kräfte gebunden werden, die ansonsten unmittelbar zur Brandbekämpfung zur Verfügung stehen würden.
Großbrand zeigt die praktischen Auswirkungen
Wie problematisch eine unzureichende Wasserversorgung werden kann, zeigte nach Angaben des NFCC ein größerer Vegetationsbrand im britischen Stourbridge im Sommer 2026. Die Feuerwehr hatte über mehrere Tage mit Problemen beim Wasserdruck zu kämpfen. Zeitweise musste eine Hochleistungspumpe eingesetzt werden, um die Wasserversorgung aufrechtzuerhalten. Das Wiederbefüllen eines Tanklöschfahrzeuges dauerte aufgrund des reduzierten Drucks an einem Punkt des Einsatzes beinahe 40 Minuten.
Solche Einschränkungen können sich unmittelbar auf die Brandbekämpfung auswirken. Der NFCC verweist auch auf Erkenntnisse aus der Untersuchung des Grenfell-Tower-Brandes. Zu geringe Durchflussmengen und Drücke können unter anderem die Reichweite großer Löschwasserstrahlen verringern oder dazu führen, dass Löschmaßnahmen unterbrochen werden müssen, während Fahrzeugtanks wieder gefüllt werden.
Hydranten teilweise über Monate nicht verfügbar
Das Problem betrifft nicht ausschließlich die Leistungsfähigkeit des Leitungsnetzes. Die britischen Feuerwehren berichten auch über Verzögerungen bei Installation und Reparatur von Hydranten. Nach Angaben des NFCC können notwendige Arbeiten in einzelnen Fällen Monate oder sogar Jahre dauern. Gleichzeitig gebe es landesweit keine einheitlichen verbindlichen Vorgaben, welche Wassermengen und Drücke für die Brandbekämpfung tatsächlich zur Verfügung stehen müssen. Die Anforderungen unterscheiden sich daher teilweise erheblich zwischen Regionen und Wasserversorgern.
Als Orientierungswert nennt das Positionspapier beispielsweise die britische Norm BS 9990:2015 für Gebäude mit bestimmten nicht automatischen Feuerlöscheinrichtungen. Dort werden rund 1.500 Liter pro Minute beziehungsweise 25 Liter pro Sekunde als Richtwert genannt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine allgemeine verbindliche Mindestanforderung für die öffentliche Löschwasserversorgung. Der NFCC führt sogar Beispiele von Neubauprojekten an, bei denen die tatsächlich verfügbare Wassermenge nur rund 228 Liter pro Minute beziehungsweise weniger als vier Liter pro Sekunde betrug.
Neue Risiken benötigen große Wassermengen
Gleichzeitig steigen nach Einschätzung des NFCC die Anforderungen an die Löschwasserversorgung. Neben verdichteter Wohnbebauung nennt das Positionspapier insbesondere große Lager- und Logistikgebäude, Hochregallager, Rechenzentren, Batterie-Energiespeichersysteme und andere Energieanlagen. Bei derartigen Objekten könne im Brandfall eine zuverlässige Versorgung mit hohen Wassermengen erforderlich werden. Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels. Häufigere Hitze- und Trockenperioden sowie Vegetationsbrände erhöhen den Löschwasserbedarf gerade zu Zeiten, in denen die Wasserversorgung ohnehin stärker belastet sein kann. Auch Hochwasser kann zum Problem werden: Hydranten können überflutet, beschädigt oder für Einsatzkräfte nur schwer erreichbar sein.
Löschwasser bereits bei Bauprojekten berücksichtigen
Der NFCC fordert deshalb einen grundlegenderen Ansatz. Die Löschwasserversorgung soll künftig bereits bei der Planung neuer Gebäude und Infrastruktur verbindlich berücksichtigt werden. Gefordert werden unter anderem nationale technische Mindeststandards für Hydranten und Löschwassermengen, verbindliche Leistungsvorgaben für Wasserversorger sowie eine stärkere Einbindung der Feuerwehren in die Planung der Wasserinfrastruktur. Neue Bauprojekte sollen nach Ansicht des NFCC bereits vor der Genehmigung nachweisen müssen, dass eine ausreichende Löschwasserversorgung zur Verfügung steht. Wo erforderlich, müssten auch größere Leitungsquerschnitte, zusätzliche Hydranten oder Verstärkungen des bestehenden Netzes berücksichtigt werden.
Wasserversorgung wird zum taktischen Faktor
Die britischen Zahlen zeigen damit ein Problem, das weit über die reine Hydrantenwartung hinausgeht. Wenn Druck und Wassermenge nicht zuverlässig vorhersehbar sind, muss die Feuerwehr dies bereits bei der Einsatzvorbereitung berücksichtigen. Zusätzliche Tanklöschfahrzeuge, Wasserförderung über lange Wegstrecken, Hochleistungspumpen oder alternative Wasserentnahmestellen können damit bereits Bestandteil der vorgeplanten Alarmierung werden. Dass inzwischen vier von fünf befragten britischen Feuerwehren ihre Einsatzplanung in bekannten Problembereichen angepasst haben, verdeutlicht die operative Dimension der Entwicklung.


