Flutwelle Südasien: Warum in Thailand kein Alarm kam
Südasien: In Thailand ist kein Tsunami-Alarm ergangen, weil die verunsicherte zuständige Behörde die Tourismusindustrie nicht unnötig stören wollte. Ministerpräsident Thaksin hat jetzt einen altgedienten Experten zu seinem Berater ernannt. Das Königreich wird wohl bald als erstes Land der Region über ein Vorwarnsystem verfügen.
Am Donnerstag, 30. Dezember 2004, sind in Bangkok zahlreiche von der schwer geschädigten Insel Phuket evakuierte Feriengäste angekommen, die von der kostenlosen Luftbrücke der thailändischen Fluggesellschaften Gebrauch gemacht haben.
Zum Teil wollen sie sich in den besser ausgerüsteten hauptstädtischen Kliniken pflegen lassen, zum Teil auch von hier aus direkt in die Heimat zurückfliegen. Zu ihnen gehörte auch das ursprünglich holländische, nun in San Francisco lebende Ehepaar M., das die Katastrophe von Sonntag unversehrt überlebt hat. Wie praktisch alle Touristen sind die beiden des Lobes voll über den Einsatz der einheimischen Retter und Helfer, die gute Koordination der Bergungsarbeiten und der Evakuierung der Opfer und vor allem auch über die unglaubliche Hilfsbereitschaft und die vielen Zeichen der Anteilnahme von Seiten der thailändischen Bevölkerung. Diese sei umso rührender, wie Frau M. anfügt, wenn man sich vor Augen halte, dass viele dieser Thailänder selber Angehörige verloren hätten und häufig wegen der von den Flutwellen angerichteten Schäden vor dem totalen Ruin stünden.
Ganz zum Schluss aber werfen die M.s eine Frage auf, die auch von anderen Überlebenden immer wieder gestellt wird: Warum eigentlich ist vor den Flutwellen kein Grossalarm ausgelöst worden. Die M.s als Wahlkalifornier sind mit Erdbeben bestens vertraut und wussten am Sonntag um acht Uhr früh sogleich genau, was sie in ihrem Hotel in Patong auf Phuket unsanft geweckt hatte. Als sie kurz darauf am Strand gewahr wurden, dass dieser plötzlich viel breiter geworden war, weil das Meer sich ungewohnt weit zurückgezogen hatte, wussten sie auch gleich, dass dies das untrügliche Anzeichen bevorstehender Tsunami-Wellen war. Doch als sie andere Spaziergänger warnten, ernteten sie mehrheitlich nur ungläubiges Lachen. Jene fuhren mit dem Sammeln von zahlreichen sichtbar gewordenen Muscheln fort. Sich der eigenen Gefahr bewusst, gaben die M.s ihre Überzeugungsversuche auf und brachten sich gerade noch rechtzeitig in die weit hinter dem Strand gelegene höhere Region Patongs in Sicherheit.
Nach dem kurz danach ausgebrochenen Inferno halfen die M.s noch zwei Tage lang, verletzte Überlebende zu bergen und in Lazarett-Stationen zu bringen. Im Gespräch beharrt das Ehepaar M. darauf, dass ein geballter Einsatz der Behörden, die danach so gute Arbeit leisteten, vor der Katastrophe viel Leid hätte verhindern können. Sicher, so räumt das Paar ein, hätten die strandnahen Bungalows und Hotels, die Boote und all die Stände und anderen Anlagen entlang der Strände nicht gerettet werden können. Von den Menschen und Einrichtungen auf den kleinen, der Andamanenküste vorgelagerten Inseln ganz zu schweigen.
Dennoch hätte ihrer Ansicht nach mit Alarmdurchsagen über alle Radio- und Fernsehstationen, selbst wenn sie nur 20 Minuten vor dem Eintreffen der ersten Tsunami-Welle erfolgt wären, und mit dem Einsatz der omnipräsenten Polizei in Thailand verhindert werden können, dass es Hunderte oder Tausende von Todesopfern gab.
Tatsächlich haben schon von Dienstag an auch einige der hiesigen Zeitungen die Frage zu thematisieren begonnen, warum kein Alarm gegeben wurde. Dabei ist Peinliches ans Licht gekommen. Laut Zeitungsberichten hatte das für solche Alarme zuständige Meteorologische Departement am frühen Sonntagmorgen eine Sitzung einberufen; seine Angehörigen waren in Minutenschnelle über das Seebeben vor der Küste Sumatras sowie über dessen Stärke informiert und wussten auch um die Tsunami-Gefahr. Sie beschlossen, nicht zu handeln, weil sie laut einem Bericht in der englischsprachigen Bangkoker Zeitung «The Nation» befürchteten, dass ein überflüssiger Alarm in den vollbesetzten Hotels «unnötige Angst» hätte auslösen und das Ansehen Thailands als Ferienziel schädigen können. Einer der Beamten des Büros ging so weit, der «Nation» gegenüber offen zu erklären, sie hätten gefürchtet, in einem solchen Fall ihre Arbeitsplätze zu verlieren.
In einem Leserbrief zu diesem Thema an die «Nation» beschuldigt Anantachai Hansasuta, ein pensionierter Oberstleutnant der Polizei, den Ministerpräsidenten, Thaksin Shinawatra, genau für diese Ängste direkt verantwortlich zu sein. Demnach hatte das Meteorologen-Büro im Jahr 2002 anlässlich eines Seebebens ebenfalls vor den Küsten der indonesischen Insel Sumatra einen Alarmruf über die elektronischen Medien erlassen; zu Tsunamis kam es dann aber nicht. Laut dem Leserbrief des Polizisten rügte Thaksin daraufhin das Meteorologen-Büro scharf, weil es die Tourismusindustrie unnötig gestört habe. Dem habe Thaksin angefügt, in Thailand habe es seit 300 Jahren keine Tsunamis mehr gegeben und es werde auch in naher Zukunft keine geben.
Inwiefern sich Thaksin von diesen Fragen und Kritiken beeinflussen liess, ist unklar, jedenfalls hat er am Donnerstag Smith Thamasaroj zum Mitglied seines persönlichen Beraterstabes ernannt. Dieser ist ein ehemaliger Chef des Meteorologen-Büros, der schon 1998 erstmals vor dem Tsunami-Risiko an der Andamanenküste gewarnt hatte – mit der Folge, dass ihm damals aus Kreisen der Hotellerie in Phuket ziemlich unverblümt mit Mord gedroht wurde, falls er es wagen sollte, diese Insel je wieder zu besuchen. Beobachter werteten am Donnerstag seine Ernennung zum Berater Thaksins als Anzeichen dafür, dass Thailand nun wohl zum ersten Anrainerstaat des Indischen Ozeans werden könnte, der ein richtiges Tsunami-Vorwarnsystem installiert.
