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Wieder Fluss in China verseucht – Cadmium aus Hüttenwerk ausgetreten

China: Rund fünf Wochen nach der Umweltkatastrophe im Nordosten Chinas sind erneut giftige Chemikalien in einen Fluss gelangt. In der Stadt Shaoguan in der Provinz Guangdong (Kanton) sind im Fluss Bei zehn Mal so hohe Cadmium-Werte gemessen worden wie zulässig.

Einwohner berichteten, die Wasserversorgung für die mehr als eine halbe Million Menschen in Shaoguan sei am Dienstag für acht Stunden abgestellt worden. Die Stadtwerke wiesen diese Angaben als falsch zurück. In den amtlichen Medien war zuvor aber schon über die Verschmutzung des Beis berichtet worden. Für die flussabwärts gelegene Geschäfts-Metropole Guangzhou seien Notfallpläne erarbeitet worden, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua. Entlang des Beis wurden demnach 20 Überwachungsstationen eingerichtet. In Yingde, rund 90 Kilometer südlich von Shaoguan, sollte Xinhua zufolge möglicherweise die Wasserversorgung für 100’000 Einwohner abgestellt werden. Feuerwehrfahrzeuge sollten die Menschen mit Trinkwasser versorgen. Der Bericht wurde von Behörden in Yingde zurückgewiesen.

Giftalarm in Russland: An der russischen Grenze im äussersten Nordosten Chinas bestand derweil weiterhin Giftalarm für den Fluss Heilong, der auf Russisch Amur heisst. In der russischen Stadt Chabarowsk wurde am Mittwoch die Wasserversorgung für rund 10’000 der 580’000 Einwohner abgeschnitten. Die Giftstoffe, hauptsächlich Benzol, waren nach einer Explosion im Chemiewerk von Jilin am 13. November 2005 angeschwemmt worden.

Warten auf das Gift in Chabarowsk – Stilllegung der Heizanlagen im sibirischen Winter?
Die knapp 600 000 Einwohner der Stadt Chabarowsk im russischen Fernen Osten haben am Mittwoch sinngemäss noch einmal tief Luft geholt, denn für die nächsten 24 Stunden war die Ankunft des Giftteppichs auf dem Grenzfluss Amur angekündigt. Vor einem Monat hatte China – mit zehn Tagen Verspätung – die Verseuchung eines Zuflusses des Amur mit Benzol und Nitrobenzol nach einer Explosion in einer Chemiefabrik in der Stadt Jilin bekannt gegeben. Seither haben sich die Menschen in Chabarowsk auf diesen Tag vorbereitet. Vor allem wurde in Flaschen, Fässern, Kanistern und selbst Badewannen Trinkwasser bereitgestellt für den Fall, dass die Konzentration der krebserregenden Giftstoffe im Flusswasser beim Vorbeifliessen an Chabarowsk immer noch zu hoch ist und deshalb die Wasserversorgung unterbrochen werden muss.
Inzwischen haben die Behörden aber ein neues Schreckgespenst verbreitet. Anscheinend sind die in Chabarowsk wie auch im restlichen Russland immer noch weit verbreiteten Fernwärmeanlagen ebenfalls vom Flusswasser abhängig. Zwar waren Vertreter des Ministeriums für Katastrophenschutz und der städtischen Behörden am Mittwoch noch relativ optimistisch, dass ein Abschalten der Heizanlagen nicht nötig werde, zumal russische Stellen zusammen mit chinesischen Trupps behelfsmässige Dämme bauten, um das Gift so gut wie möglich an den Wasserentnahmestellen vorbei zu schleusen. Inwieweit diese Massnahmen wirken, war aber noch fraglich. China hatte auch über 1000 Tonnen Aktivkohle in die Region gebracht, um das Flusswasser zu filtern, doch wie genau und mit welchen Resultaten dies vonstatten gehen sollte, war ebenfalls noch unbekannt.
Tatsache ist, dass ein Abstellen der Heizanlagen bei den gegenwärtigen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt ein enormes Risiko wäre. Nicht nur könnten in diesem Fall – bei Tageshöchstwerten von minus 20 Grad – die bereitgestellten Trinkwasservorräte einfrieren und dadurch weitgehend nutzlos werden, auch die Heizungs- und Wasserleitungen könnten im schlimmsten Fall einfrieren und platzen. Da der Giftteppich auf seiner Reise in den Amur inzwischen auf eine Länge von gut 160 Kilometern angewachsen ist, ist es auch völlig unklar, wie lange die Wasserversorgung allenfalls stillgelegt werden müsste. Der Minister für Katastrophenschutz, Schoigu, erklärte in der Moskauer Duma, man dürfe nichts übermässig dramatisieren, sein Ministerium bereite sich aber auf alle, auch auf die schlechtesten Fälle vor.
Dazu gehört die Einrichtung eines dichten Netzes von Wasserprüfstellen, welche ununterbrochen die Konzentrationen der bekannten Giftstoffe, Benzol und Nitrobenzol, messen. Am Mittwoch wurden bereits einige Wasserentnahmeanlagen in der Nähe von Chabarowsk geschlossen, weil die Nitrobenzol-Werte die zulässigen Grenzwerte überstiegen. Sorgen bereiten den Behörden der zähflüssige Strom des gefrierenden Wassers und die Tatsache, dass vermutlich erhebliche Mengen der Giftstoffe im Eis eingeschlossen wurden, die im Frühling in die Umwelt gelangen.
Korrespondentenberichte aus der Stadt sprechen von einer weit verbreiteten Skepsis gegenüber den Beteuerungen der Behörden, offen und vollständig über die Stärke der Verseuchung und die Schutzmassnahmen informieren zu wollen. Solche Ehrlichkeit im Umgang mit Notfällen ist man in Russland immer noch nicht gewohnt. Einige Bewohner ziehen daraus die Konsequenzen und verlassen die Stadt, um die kommenden Festtage an sichereren Orten zu verbringen. Auf der anderen Seite treibt auch der in Russland oft anzutreffende Fatalismus seltsame Blüten. So muss die Polizei immer noch Fischer vertreiben, die vor ihren Eislöchern stoisch auf einen Fang warten – die Fische aus dem Amur sind von den Behörden natürlich schon lange als nicht mehr zum Verzehr geeignet erklärt worden. Aber Gewohnheit ist halt Gewohnheit.

Neue Züricher Zeitung

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