Deutschland: Einsturz des Stadtarchivs von Köln! (+Video)

Köln (Deutschland): In Köln ist am 3. März 2009 das Historische Stadtarchiv eingestürzt. Kurz vor dem Einsturz seien die dort tätigen Mitarbeiter und Nutzer aufgefordert worden, das Gebäude sofort zu verlassen, sagte eine Polizeisprecherin.
„Ich dachte erst, jemand hätte mit dem Knie gegen meinen Tisch gestoßen. Plötzlich fing alles an zu zittern und zu beben, wie bei einem Erdbeben. Mich hat jemand am Arm gepackt und gesagt: ‚raus, raus!’“. Daraufhin bin ich sofort losgestürzt und habe noch nicht einmal mehr an meine Sachen gedacht. Ich bin ganz knapp raus gekommen. Hinter mir klappte das Gebäude zusammen. Es waren mit Sicherheit noch Leute drin“, berichtet der Historiker. Er sei einer der jüngeren Archivbenutzer gewesen, aber dort arbeiteten auch viele ältere Menschen, die sicher nicht so schnell gewesen seien wie er. Das Gebäude habe außerdem keine Fenster.
Es gebe jedoch keine konkreten Vermisstenmeldungen, sagte der Direktor der Kölner Feuerwehr, Stefan Neuhoff, bei einer Pressekonferenz nahe des Unglücksortes. Ein benachbartes Wohnhaus brach ebenfalls zusammen, und ein viergeschossiges Nachbarhaus mit einer Bäckerei im Erdgeschoss stürzte großenteils ein. In dem Wohnhaus könne sich ein Ehepaar befunden haben, nach ihm werde nun mit Spürhunden gesucht, sagte Neuhoff.
Das Gelände wurde weiträumig abgesperrt, mehr als 200 Einsatzkräfte seien im Großeinsatz. Der „Kölner Stadtanzeiger“ berichtet, dass bislang hauptsächlich Leichtverletzte geborgen wurden. Im nahe gelegenen Hotel Mercure sei eine Sammelstelle eingerichtet worden. Es sei aber auch mit bis zu 30 Toten zu rechnen. Der Kölner „Express“ berichtet dagegen im Internet von bislang zehn bis 15 vermissten Menschen. Außerdem sei das gegenüberliegende Polizeirevier vom Einsturz gefährdet.
Nach Angaben von Neuhoff hat sich der Einsturz des Stadtarchivs durch Geräusche im Gebäude angekündigt. Die Nutzer der Einrichtung konnten sich daraufhin noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Kurz darauf brach das Gebäude in sich zusammen. Dutzende Krankenwagen fuhren vor. Augenzeuge Günter Heimann, der kurz vor dem Unglück auf der Severinstraße fuhr, berichtet dem „Kölner Stadtanzeiger“, dass mehrere Leute bei dem Einsturz mit in die Tiefe gerissen wurden.
Augenzeuge Can Bagli sagte dem Internetportal DerWesten: „Es hat einen lauten Knall gegeben, und dann ist das Haus zusammengestürzt.“ Der zwölfjährige Schüler hatte auf dem Hof des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums gegenüber dem Stadtarchiv gemeinsam mit seinen Freunden Fußball gespielt, als das Gebäude zusammenbrach. „Erst haben wir gedacht, dass das laute Geräusch von der U-Bahn-Baustelle kam. Aber dann haben wir gesehen, dass das ganze Haus zusammengebrochen ist. Eine riesige Rauchwolke hat dann sofort alles eingehüllt.“ Seine Mitschüler und er seien sofort verschreckt auf einen anderen Schulhof gerannt. „Von da aus haben wir gesehen, dass überall Trümmer auf der Straße liegen“, erzählt der Sechstklässler. „Die Lehrer sind dann sofort zu uns auf den Schulhof gekommen, haben alle Schüler versammelt und gesagt, dass wir direkt nach Hause fahren sollen“, sagte der Junge. Sofort seien auch Polizei und Feuerwehr vor Ort gewesen und hätten den gesamten Bereich abgesperrt.
Das Gebäude sei auf einer Fläche von 50 mal 70 Metern komplett eingestürzt, bestätigte auch ein Polizeisprecher. Um die Einsturzstelle herum bildeten sich laut Augenzeugen tiefe Risse im Boden. Eine Staubwolke hüllte die parkenden Autos in der Umgebung ein. Wasser soll in die Trümmer und in die noch nicht fertig gestellte U-Bahn-Röhe geflossen sein, berichtet der Kölner „Express“. Nach einem Bericht des WDR wurden mehrere Autos unter den Trümmern des Archivs begraben.
Unter dem Gelände wird zurzeit die Kölner U-Bahn erweitert. Ob diese Arbeiten etwas mit dem Einsturz zu tun haben, war zunächst aber unklar, sagte eine Polizeisprecherin. „Derzeit sind wir noch mit den Erstmaßnahmen befasst.“ Das Gebäude des Archivs selbst stammt aus dem Jahr 1971.
Der Rentner Peter Steinkamp (65) berichtete, er sei gerade die Straße hochgegangen, als es einen „Riesenkrach“ gegeben habe und eine mehrere Stockwerke hohe Staubwolke aufgestiegen sei. „Es gab Blaulicht ohne Ende.“ Die Kioskbesitzerin Paraskevi Oustampasiadi (42) sagte, sie habe eine riesige Staubwolke gesehen. „Die komplette Kreuzung war in dunklem Nebel. Das sieht hier aus wie am 11. September.“
Ein Anwohner berichtet dem Nachrichtensender n-tv, dass man zunächst ein Rumoren gespürt habe, der immer lauter wurde. Schließlich habe er eine Art Donner gehört, und das Gebäude innerhalb einer halben Minute zusammengestürzt.
Im September 2004 war bereits der 44 Meter hohe Turm der Kirche St. Johann Baptist an der Severinstraße in Schieflage geraten. Er kippte plötzlich um 68 Zentimeter zur Seite. Damals wurden die Tunnelgrabungen für die U-Bahn-Linie für die Neigung des Turms als Ursache vermutet.
Das Historische Archiv der Stadt Köln gilt als eines der größten Stadtarchive Deutschlands. Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner und rheinischer Geschichte, unter anderem 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und eine halbe Million Fotos.
Auch zahlreiche Nachlässe, darunter der des Schriftstellers Heinrich Böll, befinden sich in dem Archiv. Die früheste Urkunde stammt aus dem Jahr 922.
UPDATE per 4. März:
Um ein Haar wäre der Besuch des Kölner Stadtarchivs für Susanne van den Bergh zum tödlichen Horrortrip geworden. Die Studentin aus Alfter bei Bonn hatte am Dienstag ihren Laptop in dem Gebäude in der Kölner Südstadt aufgebaut und wollte sich nur schnell unten auf der Severinstraße einen Kaffee besorgen. „Es war kurz vor 14.00 Uhr, ich stand draußen vor der Eingangstür des Archivs. Plötzlich kamen Bauarbeiter von der U-Bahn-Baustelle vor dem Haus und riefen: ‚Alle weg, alle raus‘.“ Die 25-jährige Studentin drehte sich um und wollte ihren Augen nicht trauen: „Als ich zu dem Gebäude hoch schaute, begann die gesamte Fassade zu bröckeln.“ Wenig später war das Archivgebäude komplett in sich zusammengebrochen, ein Wohnhaus rechts davon ebenfalls, das Wohnhaus zur Linken stand nur noch zur Hälfte. Neun Menschen wurden am Abend zunächst noch vermisst. Am Morgen danach werden laut Feuerwehr weiter zwei bis fünf Menschen vermisst. Susanne van den Bergh konnte sich wie andere Passanten auf der Straße retten. „Als ich sah, wie ganze Steine aus der Fassade herausfielen, bin ich nur noch weggelaufen.“
Die Rettungskräfte waren unmittelbar nach dem Unglück an der Unfallstelle, wie die Studentin berichtet. „Nach zwei Minuten waren die ersten Helfer da. Alle Besucher und Mitarbeiter des Archivs konnten offenbar das Gebäude verlassen. Da war wohl keiner mehr drin.“ In den folgenden Minuten zog die Einsatzleitung ein Großaufgebot an Feuerwehrleuten, Katastrophenschützern, Polizei und Mitarbeitern der Stadt in den Straßen zwischen Kölner Alt- und Südstadt zusammen. Die Nord-Süd-Fahrt, Hauptverkehrsachse der Innenstadt, wurde gesperrt, Suchhunde wurden zu dem weiträumig abgeriegelten Gelände geführt.
Wo noch am Mittag eine intakte Häuserzeile gestanden hatte, gähnte nun an der Severinsstraße ein riesiges Loch in der Fassadenfront. Mehrere umliegende Gebäude wurden evakuiert, die Menschen mussten ihre Häuser verlassen, deren Statik nun überprüft werden soll. Die Ursache für das Unglück blieb zunächst unklar, aber schon frühzeitig wurde über die Bauarbeiten für die Kölner Nord-Süd-Stadtbahn als Grund für den Einsturz der Häuser spekuliert. „Die Unglücksursache muss nun genau untersucht werden“, mahnte Stadtsprecher Gregor Timmer allerdings zur Geduld.
Fest steht freilich, dass der U-Bahntunnel unter der Severinstraße im Rohbau schon lange fertig gebohrt ist – die große Vortriebsmaschinen haben das Erdreich unter der zentralen Straße der Kölner Südstadt längst durchpflügt. Bei diesen Arbeiten hatte es einen schweren Zwischenfall gegeben, der Köln für einige Monate den Beinamen „Stadt mit dem schiefen Turm“ einbrachte. Der Turm der Kirche St. Johann Baptist, die nur wenige hundert Meter vom bisherigen Stadtarchiv entfernt ist, war durch die unterirdischen Bauarbeiten zur Seite gekippt, hatte aber glücklicherweise stabilisiert werden können.
Am Dienstag seien die Arbeiter unten im Schacht offenbar mit Auskleidungsarbeiten beschäftigt gewesen, sagte Timmer. Klar ist aber auch, dass im Gebäude des Stadtarchivs zuletzt Risse festgestellt wurden. Vor zwei Wochen gab es nach städtischen Angaben deshalb eine Begehung in dem Gebäude, bei der jedoch offenkundig keine Gefährdung festgestellt wurde.
Klar ist auch, dass eine ganze Reihe Menschen bei dem schweren Unfall in Köln eine Menge Glück hatten. Da sich das Unglück am frühen Nachmittag ereignete, waren nach ersten Erkenntnissen die Schüler einer dem Stadtarchiv gleich gegenüberliegenden Schule nicht betroffen – am Morgen war das Schulgebäude laut Timmer noch voller Menschen. Und Glück hatten auch die Fußgänger, die sich auf der Severinstraße beim Einsturz der Häuser retten konnten. So wie Susanne van den Bergh. „Ich bin nur noch gerannt“, sagte die Studentin. „Ich glaube, ich bin erst nach hundert Metern wieder stehen geblieben.“
Komplizierte Rettungsmaßnahmen: Am Mittwoch, 4. März 2009, haben Rettungskräfte mit der „sehr komplizierten und äußerst mühsamen „Bergung von ersten Dokumenten begonnen. Feuerwehrleute seien zu einem weitgehend unbeschädigten Flachbau des Archivs vorgedrungen, sagte ein Feuerwehrsprecher. Aus dem Keller werde nun Archivmaterial geborgen, in ein Zwischenlager gebracht und dort inventarisiert.
