Russland: Waldbrände -> Heiße Munition & Putin will mit PR-Coup Kritik abstellen
Russland: Im Kampf gegen die Flammen mangelt es am nötigsten. Doch trotz Gefahr für Atomanlagen und Waffenlager bleiben die meisten Russen gleichgültig – und erfahren nichts von heiklen Verbindungen des Präsidenten zur Holzbranche.
Es ist ein ungleicher Kampf. Auf der einen Seite die gewaltige Feuerbrunst. Auf der anderen Seite Michail, wie er genannt werden möchte, mit seinen Kameraden, bewaffnet mit Schaufeln und Äxten. Mit den Schaufeln schlagen sie auf den glühenden Boden, schütten Sand und Erde auf die Flammen, und mit den Äxten versuchen sie, glühende Bäume zu fällen. Verzweifelte Versuche, dem Feuer irgendwie Herr zu werden. Sie schütten Wassereimer auf die Flammen und heben Gräben aus, in der Hoffnung, die Brände am Weiterkommen zu hindern. Was an Feuerwehr und Technik fehlt, müssen die Wehrpflichtigen mit ihren Händen wettmachen.
Heiße Munition: Michail und seine Kameraden sind im Gebiet von Nischnij Nowgorod stationiert, rund 400 Kilometer östlich von Moskau. Sie bewachen ein altes Munitionsdepot, das auch ohne Brände schon ein Hochrisiko-Objekt ist, wie Michail berichtet: „Die meiste Munition hier hat ihre Haltbarkeitsdauer längst überlebt. Die Offiziere sagen, bei jeder unvorsichtigen Bewegung kann etwas hochgehen.“ Inzwischen hat der örtliche Befehlshaber eine neue Parole ausgegeben: „Solange das Feuer zwischen zehn und fünf Kilometern entfernt ist, bekämpfen wir es, wenn es näher kommt, suchen wir das Weite.“ Was dann mit der Munition passiert? Michail hat keine Ahnung.
Was in Michails Kaserne vor sich geht, ist typisch für die Lage in Russland in diesen Tagen. Die verheerenden Waldbrände halten weite Teile des Landes in Atem und haben Schäden von umgerechnet elf Milliarden Euro angerichtet. Inzwischen bedrohen die Flammen auch mehrere Atomanlagen. Rund um die Wiederaufbereitungsanlage von Majak im Ural, berüchtigt für ihre vielen Pannen, wurde der Ausnahmezustand verhängt. Ebenfalls bedrohlich nahe rückten die Flammen Sneschinsk, einem Zentrum zur Entwicklung von Atomwaffen, ebenfalls im Ural. Angespannt ist die Lage auch in Sarow 500 Kilometer östlich Moskau. Erst kürzlich hatte die staatliche Atombehörde mitgeteilt, dass radioaktives Material von dort in Sicherheit gebracht wurde. Jetzt heißt es, das Material sei schon wieder zurück in der Anlage – dabei wüten die Brände in der Umgebung weiter. Umweltschützer sorgen sich, die Feuer könnten auch auf die westrussische Region Brjansk übergreifen. Sie ist vom Reaktor-Unglück im benachbarten Tschernobyl 1986 radioaktiv verseucht, Brände könnten verstrahltes Material in die Luft wirbeln.
Landestypischer Fatalismus: So sehr die Nachrichten die Menschen im Westen beunruhigen – die Mehrzahl der Russen lassen sie offensichtlich kalt. Vor allem Ausländer in Moskau wundern sich, mit welcher Gleichgültigkeit viele Anwohner auf die Katastrophe reagieren. Würden in anderen Ländern schon Proteststimmen und Rücktrittsforderungen gegen die Politiker laut, so nimmt die Mehrzahl der Russen das Unheil mit dem landestypischen Fatalismus entgegen, ohne erkennbare Emotionen. Die Straßencafés sind gut besucht wie eh und je, die Menschen gehen spazieren, ja sie rauchen sogar, als sei die Rauchbelastung in der Luft nicht schon hoch genug. „Es wird schon alles gut werden“, meint etwa die junge Moskauer Verkaufsmanagerin Anastasia: „Wozu soll ich mich auch aufregen, das bringt doch nichts, dadurch wird die Lage auch nicht besser.“
Putin will mit PR-Coup Kritik abstellen
Popularitätswerte sinken: Premier Wladimir Putin greift nun an Bord eines Löschflugzeuges höchstpersönlich die Brandherde an
m Gebiet Rjasan gibt es seit Dienstagnachmittag, 10. August 2010, zwei Brände weniger. Das Garaus wurde ihnen vom russischen Regierungschef Wladimir Putin höchstpersönlich gemacht. Eigentlich sollte Putin im Salon des Amphibienflugzeuges Be-200 Platz nehmen und die Löscharbeiten per Infrarotkamera verfolgen, berichtete die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass.
Den starken Mann Russlands hielt es jedoch nicht lange vor dem Bildschirm. Kurz nach dem Start übernahm Putin das Steuer des Co-Piloten. Während des 30 Minuten langen Flugs lenkte der Premierminister die Wasserentnahme aus dem Fluss Oka und den Abwurf von insgesamt 24 Tonnen Wasser auf zwei Brandherde mit.
Trotz seiner publikumswirksamen Aktionen stürzen Putins Beliebtheitswerte derzeit in ein Umfragetief. Die Zustimmungsraten für Regierungschef Putin und Präsident Dmitri Medwedew sind laut dem Meinungsforschungsinstitut FOM auf den niedrigsten Stand seit Juli 2008 gesunken. Nur noch 52 Prozent vertrauen Medwedew, Putin erhielt eine Zustimmung von 61 Prozent. Im Jänner lagen die Werte bei 62 Prozent für den Präsidenten und 69 Prozent für den Premier.
Anderen Umfragen zufolge fällt die Zustimmung noch geringer aus. Dabei sind die Folgen der Brände noch gar nicht vollständig berücksichtigt, da die Umfragen Ende Juli durchgeführt wurden. Russische Politologen sehen dennoch keine große Gefahr für das russische Führungstandem, da es derzeit keine politische Alternative gibt und die Fernsehstationen fest in staatlicher Hand sind. „Die Menschen werden den lokalen Behörden oder inkompetenten Feuerwehrleuten, aber nicht den Topleuten an der Spitze des Landes die Schuld geben“ , sagte Lew Gudkow vom Meinungsforschungsinstitut Lewada laut Reuters.
Dennoch reißt die Kritik am russischen Katastrophenmanagement nicht ab. Obwohl Meteorologen bereits im Frühjahr einen überdurchschnittlich heißen Sommer prognostizierten, seien keine Brandschutzmaßnahme ergriffen worden, schreibt das Magazin Nowoje Wremja. Für ganz Russland seien nur vier Löschflugzeuge Be-200 angeschafft worden. Außerdem hätten lokale Behörden statt Löschfahrzeugen Luxusautos und SUVs gekauft.
Trotz des Einsatzes von rund 165.000 Katastrophenhelfern und internationaler Hilfe lodern in Russland noch immer mehr als 550 Brände auf einer Fläche von mehr als 1.700 Quadratkilometern. Die meisten Einsatzkräfte versuchen derzeit ein Übergreifen der Flammen auf Atomanlagen und radioaktiv verseuchte Gebiete zu verhindern.
Atommülllager sicher: Greenpeace warnte, dass die radioaktive Gefahr größer ist als bisher von den russischen Behörden eingeräumt. Auf Satellitenfotos seien 20 Brände in radioaktiv verseuchten Gebieten zu sehen. Besonders betroffen ist das Gebiet Brjansk im Westen, das nach dem GAU im ukrainischen Tschernobyl 1986 verstrahlt wurde. Entwarnung gaben die Behörden am Dienstag für das Atommüllager Majak. Die Brände seien unter Kontrolle.
Den Moskauern machten die Meteorologen indes Hoffnung: Die nächsten Tage sollen Abkühlung bringen, wobei „Abkühlung“ bedeutet, dass die Rekordwerte um 40 Grad vorerst nicht mehr erreicht werden. Bis zum Wochenende soll die Temperaturskala 35 Grad nicht übersteigen. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit von Regenfällen. Laut Wetterexperten drohen im August und September schwere Stürme und Überschwemmungen.
Ärzte warnen auch davor, dass es im Herbst zu einer Krankheitswelle kommen könnte. Durch das Einatmen des giftigen Smogs sei bei vielen Menschen die Gesundheit beeinträchtigt und die Immunität herabgesetzt. Laut Gennadi Onischtschenko, oberster Amtsarzt Russlands, könnten aufgrund der anormalen Hitze und der Verschlechterung der Trinkwasserqualität vermehrt Darminfektionen und Cholera-Fälle auftreten.
