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Nö: Dräger Feuerwehr-Reporter – Hochwasser-Feuerwehr Krems

Krems an der Donau (Nö): Wasser: Lebenselixier und Bedrohung zugleich. So manche Feuerwehr muss eine ganze Stadt gegen große Wassermassen schützen. So zum Beispiel die größte Feuerwehr Österreichs: Krems an der Donau liegt in Niederösterreich.

Was diese Feuerwehr immer wieder bei so genannten Jahrhundert-Hochwassern leistet, ist schier unglaublich. Krems muss sich gleich an mehreren Seiten gegen Wasser schützen, wenn die Fluten steigen. Nicht nur die von der Schifffahrt stark genutzte Donau bringt dem Magistrat regelmäßig alle paar Jahre große Probleme. Auch der idyllisch klingende Krems-Fluss bringt so manche Aufgabe, wenn der Pegel steigt. Dann sperren die Kremser Feuerwehrleute schon einmal ihre Stadt so ab, dass sie fast von der Außenwelt abgeschnitten ist. Auch im Juni 2013 war es wieder soweit. Nun, gut ein halbes Jahr nach der Katastrophe, schaut der Dräger Feuerwehr-Reporter einmal hinter die Kulisse – und wie sich die Feuerwehr auf das nächste Hochwasser vorbereitet. Auch eher unerwartete Bilder, neben dem allgegenwärtigen Hochwasser-Szenario, erwarten ihn beim Besuch der 1861 gegründeten Feuerwehr Krems.

Auch in Österreich scheint der Frauenanteil in den Feuerwehren noch eher gering zu sein. Obgleich beim Besuch in Niederösterreich schon früh klar war: Frauen sind hier in die Gruppe wie selbstverständlich integriert und akzeptiert. Zehn Prozent der Mitglieder sind weiblich. So waren auch gleich zwei Frauen als Interview-Partner benannt worden. Dabei spielt eine ganz besondere Ausbildung auch eine Rolle. Denn neben der „normalen“ Feuerwehrarbeit bei der derzeit noch acht Wachen zählenden Gemeindefeuerwehr, ist die Arbeit vor allem durch eine latente Hochwasserüberflutungsgefahr gezeichnet. Gerhard Urschler, der Leiter des Verwaltungsdienstes betont: „Ich habe nun schon drei Mal, so genannte Jahrhunderthochwasser erlebt. Rechnerisch kommen diese wohl jetzt alle elf Jahre auf uns zu“, so der 46-Jährige.

Gerhard Urschler (46) ist mehr als nur der Leiter des Verwaltungsdienstes: Er ist die gute Seele der Feuerwehr Krems und ist mit vollem Herzen dabei.

Doch das Tagesgeschäft ist auch nicht ohne. 500 ehrenamtliche Mitglieder verteilen sich auf die Hauptwache und die sieben weiteren Stützpunkte in Angern, Egelsee, Gneixendorf, Hollenburg, Rehberg, Stein und Thallern, die jedoch in absehbarer Zeit auf sechs reduziert werden sollen. 350 Helfer sind im Einsatzdienst aktiv, 80 Reservisten erhöhen die Schlagkraft. Etwa 900 Einsätze sind pro Jahr zu bewältigen. Allein 600 werden von den Mitgliedern der Hauptwache abgearbeitet. Fünf Gemeindebedienstete, die zusätzlich auch als freiwillige Helfer unterwegs sind, werden von einem ehrenamtlichen Kommando geführt. 70 Mitglieder der Feuerwehrjugend verteilen sich über die gesamte Gemeinde, die in Österreich Katastralgemeinde genannt wird. 30.000 Einwohner zählt Krems. Auch von der Verwaltung her ist Krems, auch Magistrat genannt, besonders. Denn die Kremser Verwaltungsbehörde hat eigene Gesetze. Wie nur 14 weitere Gemeinden in Österreich überhaupt. Vier Hochschulen sind in der 52 Quadratkilometer großen Stadt angesiedelt. Ein Gefängnis im Stadtteil Stein hat eine eigene Betriebsfeuerwehr und beschützt 800 Insassen. Dazu gibt es sechs chemische Betriebe, die nach Seveso eingestuft sind und besondere Gefahren bergen. Auch ein Sportflugplatz gehört zum Einsatzgebiet: „Wir haben die höchste Wohnqualität nach Wien und St. Pölten“, zitiert Urschler eine unbekannte Quelle. Durch das Zusammentreffen mehrerer Schnellstraßen und einer Autobahn ist Krems auch eine Verkehrsdrehscheibe. „Doch das Wasser bestimmt unser Leben einfach noch viel mehr“, sagt Urschler und zeigt auf einer Karte den Hafen von Krems. Hier wird vor allem Schüttgut und Düngemittel umgeschlagen.

Jasmin Mach (19) war nicht nur in der Feuerwehrjugend aktiv. Auch heute noch nutzt sie eine Zille um sich fit zu halten. Sogar für den Einsatzfall, werden die speziellen Holzboote noch heute genutzt.

Wasser nicht nur als Wirtschaftsmotor und Idyll zum Leben. Wasser auch als Gefahr: „Wenn wir Hochwasser haben und die Donau im Griff, dann killt uns die Krems“, so Urschler wenig romantisch. Doch genau da liegt das Problem der Katastralgemeinde. Etwa 3.000 Kubikmeter Wasser fließen in der Regel pro Sekunde durch die Donau ab. Bei den hundertjährigen Hochwassern jedoch, sollen sekündlich gut 11.000 Kubikmeter Wasser durch das Flussbett gelangen. Auch 1991 hatte die Stadt ein Hochwasser dieser Ausmaße zu bewältigen. Damals und davor wurden einfach Holzbretter auf Metallvorrichtungen gebaut. Der Stadtteil Stein wurde dem Wasser überlassen. „Das war natürlich die Bankrott-Erklärung des abwehrenden Hochwasser-Schutzes. Über die schnell aufgebauten Steganlagen konnten die Menschen ihre Häuser zwar verlassen und mit Lebensmitteln versorgt werden. Doch ihr Hab und Gut waren für immer verloren.“ Einzig aus dieser Zeit übriggeblieben sind die Zillen, diese traditionellen Wassergefährte wiegen im trockenen Zustand etwa 250 Kilogramm – nach dem Einsatz im Wasser wiegen die aus Holz hergestellten Boote etwa 400 Kilogramm. Sie sind etwa 1,2 Meter breit und 7 Meter lang und werden noch heute eingesetzt. Auch von der 19-jährigen Jasmin Mach. „In der Feuerwehrjugend gibt es richtige Bewerbe damit. Auch mein älterer Bruder hat das schon gemacht.“ Doch nicht nur bei den Wettbewerben kommen die Zillen auch in 2013 noch zum Einsatz. Im Nachbar-Bezirk wurden sie während eines Hochwassers eingesetzt. In Krems nicht, denn für die Fluten der Donau sind sie nicht geeignet. Eher für überflutete Gebiete, in denen das Wasser steht. So wie die Situation früher auch durch die viel zu niedrigen Mauern rund um Stein war. Lange, bevor es den mobilen Hochwasserschutz gab, der im Gefahrfall aufgebaut wird.

Immer wieder müssen die Einsatzkräfte zur Flutmauer fahren und die vorbereiteten Bereiche kontrollieren. Unbekannte machen sich immer wieder daran zu schaffen.

„Wer will schon hinter einer meterhohen Mauer wohnen?“, fragt Urschler provokativ und spielt darauf an, dass es schon oft die Frage nach einem dauerhaften Flutschutz gab. Im Kern dieser Frage liegt eine Wahrheit: Natürlich könnte die Donau mit so hohen Mauern eingepfercht werden, dass sie keine Gefahr mehr darstellt. Doch dann wäre Krems eben nicht mehr lebenswert. Ist es doch gerade dieser berühmte Fluss, der viele Besucher und neue Anwohner anlockt. Um einen Kompromiss zu schaffen, wurde bis 2002, dem nächsten Jahrhundert-Hochwasser, ein spezieller, Millionen Euro teurer Hochwasserschutz geplant und installiert. Kosten pro Aufbau etwa 100.000 Euro. Alle Einzelteile dieser mobilen Hochwasserschutzanlage lagern bei der Feuerwehr. Die Hauptfeuerwache wurde so konzipiert, dass in zwei großen Hallen die Stahlpfosten, Steher genannt, und Aluminiumbalken auf ihren nächsten Einsatz warten. Stefan Topf hat dieses Lager unter sich und als Verwalter ist er dafür verantwortlich, dass nicht nur alles ordentlich eingelagert wird. Es gibt noch eine ganz andere Aufgabe: „Nach jedem Einsatz müssen die Steher und vor allem die Alubalken gereinigt werden. Denn die Donau bringt einiges an Löß und Schlamm mit. All das setzt sich fest. Das Gewicht verdoppelt sich mindestens. Daher muss das alles gereinigt werden, und zwar schnell. Denn sonst bekommt man es nicht mehr heraus“, so der 34-Jährige. Bis zu 400.000 Sandsäcke lagern hier und können gefüllt werden. Dies übernehmen direkt an den Einsatzstellen zum Beispiel mit Sand gefüllte Betonmischer, die von dort angesiedelten Firmen bereitgestellt werden. Eine besondere Idee aus Krems. Not macht erfinderisch und schweißt zusammen.

Stefan Topf (34) ist für das gesamte Lager des Hochwasser-Schutzes zuständig. Bei jedem Einsatz muss er genau aufpassen, was wohin gehört.

Innerhalb von nur 24 Stunden musste der Hochwasserschutz 2002 an der Donau aufgebaut sein. Immerhin 1,2 Kilometer Spundwand! Die eigentlich eingeplante Zeit für diese Mammut-Aufgabe: 48 Stunden. Doch es gelang. Durch ein ausgeklügeltes System in der Bezirksalarmzentrale (BAZ), die sich auch in der Hauptfeuerwehrwache Krems befindet, sehen die Disponenten fünf relevante Pegel für den Verwaltungsbezirk. Normalerweise sind hier zwei Arbeitsplätze besetzt. Bei einem Hochwasser jedoch acht. Auch draußen, an beiden Wasserlinien ist ständig Personal eingesetzt. Sowohl an der Donau, als auch an der Krems, war alles auf den Beinen: Zwei oder drei Wachen waren immer parallel eingesetzt. Alle vier Stunden wurden die Einsatzkräfte ausgetauscht. Nachdem der Hochwasserschutz aufgebaut war, ging die Arbeit weiter: Dammwachen an der Donau mussten besetzt werden. 9,97 Meter stand das Wasser hier hoch. Damit das Wasser nicht in die Stadt eindringt, wurden noch einmal zwei Lagen Sandsäcke auf die 2,5 Meter hohen mobilen Hochwasser-Anlagen gelegt. „Das brachte zehn Zentimeter mehr“, erklärt Urschler. Das System hielt.

240 Mitglieder waren gleichzeitig im Einsatz. Auch die Mitbürger, die nicht in der Feuerwehr sind, organisierten sich. In der Wachau wurde eine Art Straßenfest gefeiert und „ganz nebenbei“ der Hochwasserschutz aufgebaut. Egal ob privat organisiert oder über eine Hilfsorganisation. Eines haben sie alle immer im Blick: Seit einigen Jahren werden auf der Internetseite der Feuerwehr laufend die aktuellen Pegelstände veröffentlicht. „Da muss niemand suchen, bei uns ist es einfach und sofort auf der Startseite zu finden.“

Doch an einer Stelle konnte nur eine Schadenbegrenzung betrieben werden. Die Nachbar-Orte Rehberg, Imbach und Senftenberg wurden teilweise von dem Krems-Fluss überflutet. Auch viele Orte entlang der Donau wurden vom Wasser heimgesucht. Doch Krems blieb sicher. Auch, weil der Hafen gegen die Flut gesichert wurde. Ein 60 Zentimeter starkes und 5 Meter langes Tor wird dafür geschlossen. Taucher überprüfen vor Toresschluss, ob es gefahrlos bewegt werden kann. Natürlich sind hier keine Hobbytaucher im Einsatz, sondern Feuerwehr-Taucher. Über den KHD, den Katastrophen-Hilfsdienst Niederösterreich aus Tulln wurden spezielle Pumpen angefordert, um den Wassermassen Herr zu bleiben. Insgesamt 25.000 Feuerwehrleute waren hier eingesetzt.

Frieda Ott trat erst mit 50 Jahren der Freiwilligen Feuerwehr bei. Noch immer übernimmt sie viele Aufgaben in der Wehr.

2013, beim vorerst letzten Jahrhundert-Hochwasser, sah es im Mai und Juni eigentlich wieder aus wie 2002. Doch für Frieda Ott war das bisher letzte ein ganz spezielles Hochwasser. Sie war für die gesamte Verköstigung der Helfer im Einsatz. „Ich habe ja schon immer in der Landwirtschaft gearbeitet und bin seit Dezember 1998 bei der Feuerwehr“, so die 66-Jährige. Eingetreten ist sie damals, immerhin schon 50 Jahre alt, da sie bei der Feuerwehr in der Verwaltung eine Stelle übernommen hatte. „Der damalige Kommandant sagte, ich müsse dann wohl auch in die Feuerwehr eintreten. Das nahm ich wörtlich.“ Zwei Söhne hat die Feuerwehrfrau großgezogen, erst 1999 ihre Grundausbildung durchlaufen. Auch im Atemschutz und Funk ist sie ausgebildet. „Da werde ich doch auch mit einem Hochwasser fertig“, scherzt sie. Stets waren sechs bis zehn Leute mit ihr tätig. „Wir haben teilweise von Geschäftsleuten Essen erhalten, was wir weiterverteilt haben. Meistens aber haben wir das Mittag- und Abendessen selbst gekocht. Wie das klappen konnte? Wir haben einfach den Kopf ins kalte Wasser gesteckt. Das hat geholfen.“

Der unermüdliche Einsatz aller Kräfte, knapp neun Tage dauerte die Flut, zahlte sich aus. Die Flut war überstanden. Das Wasser ging. Doch zurück blieben Schlamm und Matsch. „Wenn wir diese Hinterlassenschaft nicht schnell entfernen, verkrustet alles und wird hart wie Stein“, erklärt Stefan Topf und zeigt Fotos und ein Video vom speziellen Einsatz der Löschfahrzeuge. Diese haben Sprüh-Vorrichtungen und können wie Straßenkehrmaschinen eingesetzt werden. So sind alle Wege, auch die die Schnellstraßen und Autobahnabschnitte früh wieder befahrbar, die Stadt atmet auf und das „normale Leben“ startet neu. Gerhard Urschler erinnert sich: 1991 benötigten wir noch das Bundesheer, um Schaulustige abzuhalten. Heute ist das anders. Alle helfen mit. Vor allem die Anwohner organisieren sich selbst. Das ist eine freudige Entwicklung.

Sauber, gepflegt und auf den nächsten Einsatz wartend. Das Lager der Feuerwehr Krems sucht seines gleichen. Hier hat jede Stehle, jeder Balken seinen Platz.

Der Abbau der mobilen Hochwasser-Schutzanlage übrigens dauert acht Wochen. Auch dabei unterstützt die Feuerwehr. Vor allem beim Einlagern in die Hauptfeuerwache: „Denn für den nächsten Aufbau müssen wir ja sicher sein, dass alles einsatzbereit ist – und wir haben ein spezielles System, wo was liegt.“ In den Hallen indes ist wenig Platz, denn noch lagern hier auch noch die alten Steganlagen aus der längst vergangenen Zeit, als Krems sich noch den Fluten hingegeben hat. Eigentlich benötigt diese niemand mehr. Denn Krems hat bisher den Kampf gegen die Fluten gewonnen. Vor allem deswegen, weil die Feuerwehr hier vorbildlich im Einsatz ist.

Feuerwehr krems an der Donau -> http://www.feuerwehr-krems.at/

Hochwasser 2013 -> http://www.fireworld.at/cms/story.php?id=45759

Hochwasser 2001 -> http://www.fireworld.at/cms/review.php?id=29

Fotos der Reportage von Florian Büh -> http://www.flickr.com/photos/draegerfwreporter/sets/72157640893478433/

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