Bayern: Über 150 Ehrenamtliche produzieren Mundschutz im Berchtesgadener Land

BERCHTESGADENER LAND (BAYERN): Das Rote Kreuz kümmert sich seit Samstag im Auftrag der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) um den Aufbau und die Organisation eines landkreisweiten Netzwerks aus mittlerweile über 150 ehrenamtlichen Näherinnen, die gemeinsam schon zwei 400-Meter-Selbsthilfe-Rollen des durch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger bereitgestellten Vliesstoffs zur Mundschutz-Produktion verarbeitet haben.

Der BRK-Fahrdienst übernimmt die Logistik und beliefert die Schneiderinnen zu Hause mit bereits durch Rotkreuzler zugeschnittenem Stoff, Gummibändern und Nasenteil-Drahtbügeln, mit denen pro Lieferung 50 Mundschutz genäht werden können. Die Verteilung der fertig genähten Mundschutze wird zentral und bedarfsorientiert von der FüGK geregelt, damit langfristig jede medizinische und pflegerische Einrichtung im Landkreis versorgt werden kann und kein Wettstreit um das Material entsteht.

„Masken selbst nähen! Jetzt ist Pragmatismus und Selbsthilfe gefragt! Ich habe organisiert, dass die Landkreise und kreisfreien Städte in Bayern Material bekommen, um Masken vor Ort selbst zu schneidern. Diese Selbsthilferollen wiegen 12 kg, 40 cm breit, 400m Vliesstoff pro Rolle zertifiziertes Maskenmaterial, aus dem auch FFP 2 und FFP 3 Masken geschneidert werden. Reicht für 5000 Masken. Zusätzlich bekommt jeder Landkreis/Stadt noch mehrere hundert fertige Masken als Nähvorlage/Anschauungsmaterial und Notration, um vor Ort selbständig arbeiten zu können. Zunächst eine Rolle/Landkreis, die großen Städte entsprechend mehr. Nachschub kommt zeitnah. Material für über 1 Million Masken (240 Rollen) hinter mir, weitere Produktion in Auftrag. Damit muss jetzt auch bei Altenheimen, Krankenpflege etc. schnell vernünftiges Material ankommen, bevor die verzweifelt aus Bettwäsche selbst was schneidern mit unpassendem Material. THW liefert heute noch aus. DANKE! An die Nähmaschinen wer nähen kann!“, schreibt Aiwanger am 26. März auf seiner Facebook-Seite.

Die FüGK erteilte dann am Samstag, den 28. März 2020, den Auftrag an das Rote Kreuz, die erste 400-Meter-Rolle für den Landkreis beim Zentrallager abzuholen und mit Näherinnen zu Masken zu verarbeiten. Da in der ersten Stoff-Lieferung weder ein Produkt-Datenblatt noch Muster oder eine Näh-Anleitung enthalten waren, mussten die Rotkreuzler erfinderisch sein: Sie nähten unter Federführung von Lejlije Hoxha in Rücksprache mit anderen Schneiderinnen und nach Vorlage industriell gefertigter Mundschutze Vorlagen für die zu Beginn rund 20 Näherinnen und Näher und fuhren das Material noch am selben Abend in 30-er-Packungen an die ehrenamtlichen Mitstreiter aus.

Da die Helfer Hosen- und Textilgummis für die Ohrenhalter und ummantelte Drahtstücke für die anpassbaren Nasenteile brauchten, riefen sie über Facebook die Bevölkerung zu Materialspenden und zum Mitmachen auf – hunderte Menschen wollten helfen und beteiligten sich aktiv oder mit Spenden. Bis Dienstagabend wuchs das Netzwerk dann im rasenden Tempo auf mittlerweile über 150 Näherinnen und Näher an, die das Rote Kreuz miteinander vernetzt und beliefert. „Wir haben enorm viel Arbeit, schlafen derzeit nur wenig und sind nahezu rund um die Uhr gefordert, aber zugleich wirklich überwältigt, wie viele Menschen spontan mitgemacht haben und wie sehr der Landkreis in der Krise zusammenhält!“, freut sich Marcel Kutz, einer der Organisatoren, der von Beginn an mit dabei war und das Projekt mit großem Einsatz aufgebaut und vorangetrieben hat.

Da die Menschen wegen der Ansteckungsgefahr zu Hause bleiben sollen, bringt ihnen das Rote Kreuz auf zwei bis drei Touren gleichzeitig Packerl mit zugeschnittenem Material für 50 Masken zu Hause vorbei – mit einer selbst erstellten Näh-Anleitung und einem Lieferschein, auf dem sie die Anzahl der gefertigten Mundschutze eintragen und ihren Namen. „Das hat den Vorteil, dass wir den Überblick behalten, danach die Umschläge nicht nochmal öffnen und nachzählen müssen, und sich die Feuerwehren bei der Verteilung an die Einrichtungen viel leichter tun“, erklärt Tim Janßen, der als Fahrer die Näherinnen beliefert und die fertigen Mundschutze abholt.

Die gefertigten Mundschutze sammeln die Rotkreuzler ein und liefern sie in 50er-Packungen beim Zentrallager des Landkreises ab, wo sie dann drei Tage lagern, um auszuschließen, dass Viren auf dem Material überlebt haben und jemanden infizieren könnten. Die Näherinnen sind auch alle angewiesen, sich vorab gründlich die Hände zu waschen und selbst beim Nähen einen Mundschutz und Handschuhe zu tragen. Parallel produziert das Team auch schon sehr heiß waschbare Mehrweg-Baumwoll-Mundschutze mit einer Tasche, in die der Einweg-FFP2-Stoff der Aiwanger-Rolle als wirksamer Filter eingeschoben werden kann. „Diese derzeit von der Behörde noch nicht freigegebene Lösung würde die großartige Näh-Leistung der beteiligten Frauen und Männer mehr würdigen, die aktuell noch echt viel Zeitaufwand und Herzblut in ein Einweg-Wegwerf-Produkt stecken. Mit dieser Version würden wir uns nicht mehr von Tag zu Tag retten und könnten womöglich sogar unseren Landkreis autark versorgen“, meint Fahrdienstleiter Markus Leitner.

Wer beim Mundschutz-Nähen mitmachen will: Bitte schickt uns Eure Daten, damit wir Euch einbinden können: Name, Adresse, E-Mail, Handynummer (für WhatsApp-Gruppe) an mundschutz@kvbgl.brk.de

Wer Material spenden will: Kleinere Mengen bitte per Brief an BRK, Riedelstraße 18, 83435 Bad Reichenhall schicken oder in den Briefkästen der BRK-Häuser im Landkreis einwerfen. Benötigt werden Hosen- und Textilgummis, ummantelter, nicht zu dicker Draht, Gefrierbeutel-Clips und vorgewaschener, über 75 Grad waschbarer Baumwoll-Stoff, idealerweise in großen Tüchern, die man gut und schnell schneiden kann. Für den Stoff steht im Eingangsbereich des Reichenhaller Roten Kreuzes eine Tonne zum Einwurf bereit. Aus Platzgründen musste die die Produktionsstraße am Dienstagnachmittag vom Reichenhaller BRK-Haus ins Haus der BRK-Bereitschaft Ainring in die Industriestraße 6a in Mitterfelden umziehen. Dort kann ab Mittwoch, 1. April 2020, auch in einem Kasten gespendetes Material eingeworfen werden.

Rotes Kreuz Berchtesgaden

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