Nach-Beben: Ein zweiter Blick auf den Kroatien-Hilfseinsatz durch die österr. Feuerwehr nach dem Erdbeben

GRAFENWÖRTH (NÖ) | KROATIEN: Manfred Ploiner ist Mitglied der Freiw. Feuerwehr Grafenwörth im Bezirk Tulln. Er war einer Feuerwehrleute, die den Logistik-Einsatz der Feuerwehren aus Österreich Ende Dezember 2020 begleitet hat. Er wirft einen persönlichen Blick auf den Hilfseinsatz.

Manfred Ploiner von der Feuerwehr Grafenwörth.

Kroatien scheint weit weg zu sein, zwei EU-Binnengrenzen sind zu überqueren. Dann lieber nach Tirol fahren oder? Zum Schifahren nach Kühtai fährt man von Grafenwörth aus 4h 49min – tolle Pisten, nette Gastronomie, herrliche Berge, schöne Hotels. In 4h 53min ist man von Grafenwörth in Petrinja – einer Region, wo die Krise Dauerzustand ist, nicht erst seit Erdbeben und Covid19 und dem parallel dazu stattfindenden Hochwasser der Kupa und derer Zuflüsse. Doch was man dort sieht, macht auch Mut, zumindest auf den 2. Blick.

Erste Gedanken

Was geht einem durch den Kopf, wenn man hört, man soll in eine Katastrophenregion am Balkan fahren, nach einem Erdbeben? Als Feuerwehrführungskraft ist man’s gewohnt den Worst Case anzunehmen: Bilder von eingestürzten Hochhäusern, Trümmerhaufen mit Menschen darunter (wie beim Erdbeben in der Türkei 2011) kommen einen in den Sinn. Dazu die Vorstellung in eine Region zu gehen, die ohnehin von Konflikten gebeutelt ist, Bilder von den UN-Einsätzen Österreichs in Kroatien, Bosnien und Serbien kennt man aus dem Fernsehen.

Eigentlich alles ruhig

Umso größer war dann meine Überraschung vor Ort: Von der österreichischen Grenze aus bis nach Zagreb hätte man nicht erkannt, überhaupt jemals Österreich verlassen zu haben: Top Straßen, neue Häuser, neue Autos, brummende Ökonomien. Als wir dann in der Region Petrinja ankommen sind wir uns zunächst nicht sicher, angesichts der nicht ganz so schlimm wirkenden Zerstörung, ob wir hier richtig sind: Bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten Häuser stehen geblieben, haben nichtmal großartige Risse, nur Löcher von je ein paar Quadratmeter sind in so gut wie jedem Dach. Zu sehen ist kaum jemand – keine Einsatzkräfte, kaum Menschen, alles schön ruhig.

Okay, die Region ist generell eine der ärmeren und strukturschwachen in Kroatien, das merkt man auch deutlich, aber auf den ersten Blick scheint’s nicht so schlimm. Wir laden unsere Container ab, unterschreiben einen Buchstabensalat, der wohl ein Lieferschein ist und stellen uns an der örtlichen Hauptstraße auf, um auf die Heimfahrt zu warten. Erst da habe ich mal Zeit, die Szenerie in Glina genauer zu betrachten.

Das war (vermutlich) der Lieferschein.

Die Missstände kommen per 2. Blick

Die Löcher in den Dächern stammen offenbar von kollabierten Rauchfängen, die auch Teile von Dach mitgenommen haben. D.h. keine Heizung (hier gibt’s kein Gasnetz und keine Fernwärme) und der anhaltende Regen zerstört langsam die Einrichtung. Später erfahren wir, dass auch Strom großteils nicht funktionsfähig ist, d.h. auch keine funktionierenden Küchen. Durch die Fenster und Löcher in den Dächern sieht man noch mehr: Immer wieder mal umgestürzte Innenwände, komplett verheerte Einrichtungsgegenstände, etc. → Die Außenwände stehen fast überall noch, obdachlos sind trotzdem fast alle Menschen hier, schlafen in Zelten und Autos.

Auf den ersten Blick nicht soooooo schlimm. Das Drama wird erst am zweiten Blick ersichtlich.

Wir übergeben unsere Vorräte

Gegen Mittag beobachten wir dann einen ständig wachsenden Auflauf an Menschen auf einem Grundstück neben unserem Fahrzeug. Dort hat jemand einen Haufen Schutt angezündet und bastelt daneben irgendwas aus Planen und Holzstücken. Erst nach und nach wird klar: Dort hat sich jemand gefunden, der aus irgendwelchen Vorräten auf offenem Feuer Mittagessen für die ganze Straße kocht. Da unser Zugskommando noch Wurstsemmeln, Getränke und Süßigkeiten übrig hat, übergeben wir unsere Vorräte.

Man weiß, sich zu helfen und jammert nicht

Aber niemand sitzt hier weinend oder resigniert rum. Die Leute essen was, unterhalten sich, stärken ihre Moral und gehen wieder an die Arbeit an ihren Häusern, sammeln Dachziegel, schleppen Planen durch die Gegend und sehen nach ihren Familien. Hier weiß man sich zu helfen! Auf unserer Rückfahrt zur Autobahn kommen wir auch nochmal durch das bei Tagesanbruch menschenleere Glina. Dort hat sich die Lage mittlerweile um 180° gewendet (man hat morgens wohl nach zwei Tagen „Dauerfeuer” mal eine Pause gemacht): Die kroatische Feuerwehr werkt mit unzähligen Einheiten an Dächern und Schutthaufen, das Militär fährt mit einem Konvoi in Richtung unserer provisorischen Containerlager und jeder, der irgendwie einen LKW, Hubsteiger oder sonstwas hat arbeitet mit. LKW beladen mit Dachziegeln und sonstigen Hilfsgütern rollen vorbei.

Willkommene Unterstützung aus Österreich

Die Unterstützung aus Österreich war dort sehr willkommen – wir waren auf der gesamten Fahrt DIE Attraktion der kroatischen Medienlandschaft und in den sozialen Medien. Menschen haben gewinkt und gerufen, LKWs gehupt und mit den Scheinwerfern gegrüßt. Unser materieller Beitrag war vielleicht nur ein kleiner angesichts der astronomischen Schäden, der ideelle wiegt in meinen Augen aber gewaltig. In dieser Gegend, wo die Menschen nicht viel haben, macht ein kilometerlanger Hilfskonvoi aus dem übernächsten EU-Staat Mut.

Die Menschen merken, dass man hierzulande von ihrer Not Notiz genommen hat und helfen möchte. Das baut auf und schafft Zuversicht. Zudem hat man hier nicht „alles verloren”: Die Leute haben noch ihr Gewand, ihre Autos, viele Nebengebäude oder einzelne Etagen sind nahezu unversehrt, Verwandte aus dem ganzen Land kommen zu Hilfe, das Leben geht weiter. Und bei dem Eifer, den wir beim Wiederaufbau während unserer Rückreise gesehen haben, bin ich zuversichtlich, dass unsere kroatischen Kameraden diese Katastrophe bald in den Griff bekommen und hinter sich lassen werden.

Es freut mich, dass ich hier mithelfen konnte und die Menschen etwas von unserer Anstrengung haben. Der prägendste Eindruck der Reise war für mich aber nicht die Zerstörung durch das Erdbeben, sondern dass sich die Kroaten nicht unterkriegen lassen. So wie wir das hier tun würden. Vielleicht liegt Kroatien gedanklich doch nicht so weit entfernt von Niederösterreich, als wir möglicherweise denken.

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