Flutwelle Asien: THW – Bilder, die wir nicht vergessen können
Südasien – Deutschland: Auch für erfahrene Rettungskräfte und THW-Spezialisten stellen die im Einsatz gewonnenen Eindrücke und Erlebnisse eine große Herausforderung dar: Das große Leid und die Verzweiflung der Menschen, viele Tote und Verletzte.
„Eine Flut von Bildern, Gerüchen und Geräuschen kann die Seelen der Helfer wie der Tsunami das Land überfluten“, vergleicht Joachim Müller-Lange, Notfallseelsorger der evangelischen Kirche im Rheinland, die Situation.
Das sind Eindrücke, die verarbeitet werden müssen. Eindrücke, die sich sonst in das Gedächtnis einbrennen können. Die mögliche Folge ist eine Posttraumatische Belastungsstörung: immer wieder kehren plötzlich die Erlebnisse zurück und der Betroffene hat den Eindruck, wieder am Einsatzort zu sein, zurück am Ort seines Traumas. Panikattacken können auftreten, Vermeidungsverhalten und Schlaflosigkeit plagen die Einsatzkräfte. Emotionaler Druck droht in Aggressionen umschlagen.
Um das zu verhindern, werden die zurückkehrenden THW-Spezialisten von Beginn an umfassend und professionell betreut. Psychozozial geschultes Fachpersonal wie Ärzte und Psychotherapeuten begleitet die Teams noch im Flugzeug oder direkt nach der Landung gemeinsam mit besonders geschulten THW-Helfern. In einer ersten kurzen Gesprächsrunde, dem so genannten Defusing, haben die Team-Mitglieder eine Möglichkeit über das Erlebte mit Profis zu sprechen.
Im Vordergrund steht beim Defusing das erste Abschätzen weiteren Unterstützungsbedarfs und die Information der Helfer über mögliche Phänomene. Es wird deutlich gemacht, dass Schlafstörungen und wiederkehrende Bilder in den ersten Wochen völlig normal sein können: „Das geht vorbei und wir begleiten euch“, beschreibt Joachim Müller-Lange die entscheidende Botschaft. Wichtig sei es außerdem, in einem geschlossenen und zugleich vertrauten Kreis über die Erfahrungen sprechen zu können. Das am Besten gemeinsam im Einsatzteam, um auch Gespräche in der Familie oder mit Freunden vorzubereiten.
Das Ziel der psychosozialen Unterstützung ist es, den Einsatzkräften schnellstmöglich in ihren geordneten und strukturierten Alltag zurück zu verhelfen. Jeder Mensch verarbeitet extreme Erfahrungen und Stresssituationen anders, weshalb den Rückkehrern seitens des THW alle möglichen Ruhe und Freiräume gewährt werden. Keine Aufgaben und keine belastende Interview-Flut warten auf sie.
Nach einigen Tagen bietet das THW seinen Helfern ein gezieltes und ausführliches Einsatznachgespräch an, das so genannte Debriefing. Hier kommen auf eigenen Wunsch die Rückkehrer erneut mit psychosozial geschulten Fachkräften zusammen, um nun sehr ausführlich und strukturiert das Erlebte aufzuarbeiten. „Dabei wird niemand genötigt etwas preiszugeben, was er nicht möchte“, versichert Notfallseelsorger Müller-Lange. Darüber hinaus stehen den Helfern in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft „Psychosoziale Unterstützung für Einsatzkräfte“ rund um die Uhr professionelle Ansprechpartner zur Verfügung, mit denen weitere Gespräche geführt werden können.
„Dass über 90 Prozent aller Helfer die Erlebnisse gut verarbeiten und keine weitere Hilfe mehr benötigen, zeigen die Erfahrungen früherer Einsätze“, fährt Müller-Lange fort. Mit gezielten und individuellen traumatherapeutischen Maßnahmen könne jeder Helfer schnellstmöglich in seinen Alltag zurückkehren, ohne das Erlebte zu vergessen, sondern es zu verarbeiten.
