Spanien: Knapp 70 Tote bei Zugsunglück in Santiago
Santiago de Compostela (E): Bei einem Bahnunglück im Nordwesten Spaniens sind am Mittwochabend, 24. Juli 2013, nach offiziellen Angaben bis zu 70 Menschen ums Leben gekommen.
Weitere 70 wurden verletzt, als der Schnellzug aus noch ungeklärter Ursache nahe der Stadt Santiago de Compostela entgleiste. Das gab der Präsident der nordspanischen Region Galicien, Alberto Nunez Feijoo, im Radiosender Cope bekannt. Man wisse die Opferzahl noch nicht exakt, aber sie bewege sich zwischen 40 und 45, so Feijoo Mittwochnacht. Von den etwa 70 Verletzten befänden sich 20 in einem kritischen Zustand. Die Todeszahlen stiegen Mittwochabend im Minutentakt nach oben – zuvor hatten Medien noch von zehn bis zwölf Todesopfern berichtet. 238 Menschen befanden sich an Bord.
Mit doppelter Geschwindigkeit in Kurve?
Das Unglück ereignete sich gegen 21.00 Uhr nahe der Stadt Santiago de Compostela. Laut dem galicischen Präsidenten ist es noch zu früh zu sagen, was die Entgleisung verursachte. Augenzeugen berichteten der Zeitung „La Voz de Galicia“, der Zug sei ungewöhnlich schnell in die Kurve eingebogen. Der Zug sei doppelt so schnell unterwegs gewesen wie in dem kurvigen Streckenabschnitt erlaubt, berichtete die Zeitung „ABC“ am Mittwochabend. Der Zug sei mit 180 statt mit 80 Stundenkilometern gefahren. Die 13 Waggons des Zuges wurden auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Mauer und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.
Augenzeuge hörte Explosion
„Es passierte so schnell“, sagte ein Überlebender dem Radiosender Cadena Ser. Der Zug habe sich in einer Kurve verdreht, danach hätten sich die Waggons aufgetürmt. „Eine Menge Menschen wurde zu Boden gedrückt. Wir haben versucht, ins Freie zu kommen, und bemerkten dabei, dass der Zug in Flammen stand. Ich habe Leichen gesehen.“ Ein Augenzeuge berichtete von einer Explosion, bevor er den verunglückten Zug sah. Der Zug war auf dem Weg von Madrid nach El Ferrol, als er einige Kilometer vor dem Bahnhof von Santiago entgleiste. Santiago de Compostela ist die Hauptstadt der autonomen Region Galicien und ein wichtiges Pilgerzentrum, das jährlich Zehntausende Menschen anzieht. Am Donnerstag sollte dort ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons von Galicien, des Heiligen Jakob, stattfinden. Die Behörden sagten jedoch die geplanten Feiern nach dem Unglück ab.
Krisensitzung: Regierung geht von Unfall aus
Nach dem Unglück trat am Abend die Regierung in Madrid zu einer Krisensitzung zusammen. Wie eine Regierungssprecherin weiter bekanntgab, gehe man derzeit davon aus, dass es sich bei der Entgleisung um einen Unfall handelte. Das sei „die wichtigste Arbeitshypothese“, sagte sie in Anspielung auf Berichte, wonach sich vor der Entgleisung eine Explosion ereignet haben soll. Ministerpräsident Mariano Rajoy werde am Donnerstag in der Früh an den Unglücksort reisen, sagte die Sprecherin weiter. Medienberichten zufolge war am Mittwochabend bereits seine Verkehrsministerin Ana Pastor dorthin gereist. Rajoy, der derzeit wegen eines Schmiergeldskandals um seine konservative Volkspartei (PP) massiv unter Druck steht, stammt aus der betroffenen Region Galicien.
ORF.at
El Pais (Bilder vom Unglücksort)
Update 13.40 Uhr: Überwachungskamera filmt Zugunglück
Bedrückende Bilder stellte die spanische Tageszeitung „El País“ heute online. So seien in Bereichen des spanischen Eisenbahnnetzes Kameras installiert (hauptsächlich im Bereich von Tunnels und Brücken), die die Infrastruktur überwachen um zu verhindern, dass Personen Gegenstände auf die Gleise werfen. Eine dieser Kameras hat das verheerende Zugunglück aufgenommen:
Überwachungskamera filmt Zugunglück (El País)
Hilfe aus der Nachbarschaft
Isidoro Castaño, der sich gerade bei einem Treffen mit Freunden in unmittelbarer Nähe zum Unglücksort befand und gemeinsam mit diesen als Ersthelfer bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte fungierte, hielt die ersten Minuten der Rettungsmaßnahmen ebenso per Video fest.
Videoaufnahme kurz nach dem Unglück (El País)
Medienberichten zu Folge soll sich die Zahl der Opfer mittlerweile auf 78 erhöht haben. Als Unglücksursache wird derzeit überhöhte Geschwindigkeit (190km/h statt 80km/h) angenommen. Eine offizielle Bestätigung dazu gibt es jedoch nicht. (red)
