Chemieunfall in China: Giftbrühe erreicht bald Russland
Der 80 Kilometer lange Benzolteppich auf dem chinesischen Fluss Songhua bewegt sich unaufhaltsam weiter. Er hat bereits die Millionenmetropole Harbin erreicht. Die Menschen müssen nun mindestens vier Tage ohne frisches Trinkwasser ausharren.
China schafft es nicht, die Giftbrühe zu stoppen. In wenigen Tagen droht der Strom den Nachbarn Russland zu erreichen. Dort erwägt man bereits den Notstand. Die Zeit für Vorkehrungsmaßnahmen drängt.
China will Russland über den Fortlauf des Benzolteppichs auf dem Fluss Songhua im nordöstlichen Grenzgebiet per Hotline auf dem neuesten Stand halten. Der Strom droht die Giftwelle in den nächsten Tagen in das Nachbarland hineinzutragen. Im weiteren Verlauf fließt der Songhua in Russland als Amur durch die Region Chabarowsk. Die russischen Umweltbehörden haben vor einer Verseuchung des Trinkwassers in der Region Chabarowsk gewarnt.
China verstärke daher die Kontrolle der Wasserqualität des verseuchten Flusses Songhua, „um den Schaden so gering wie möglich zu halten“, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums.
Wegen der zu erwartenden Wasserverschmutzung des Amur gelte von Freitag an im Gebiet Chabarowsk der Notstand, teilte der regionale Zivilschutz am Donnerstag mit. In der 600.000 Einwohner zählenden russischen Großstadt kauften die Menschen wie im chinesischen Harbin Mineralwasser in den Geschäften auf. Auf russischer Seite entnehmen offiziellen Angaben zufolge etwa 1,5 Millionen Menschen ihr Trinkwasser aus dem Amur.
Das Gift im chinesischen Fluss Songhua erreichte am Donnerstag die Neunmillionenmetropole Harbin. Die Behörden forderten die Menschen auf, besonders auf Symptome von Benzolvergiftungen zu achten.
Um den Fluss zu reinigen, brauchen die Behörden dringend große Mengen Aktivkohle. Für das Reinigungsvorhaben seien 1.400 Tonnen Aktivkohle nötig, doch stünden nur 700 Tonnen zur Verfügung, berichtete die Provinzregierung von Heilongjiang laut amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua.
Der Stoff war nach einer Explosion in einem Chemiewerk vor zwei Wochen in den Fluss gekommen, aus dem Harbin den Großteil seines Trinkwassers bezieht.
Der Gouverneur der Provinz Heilongjiang, Zhang Zuogi, ordnete an, dass sich die Krankenhäuser auf mögliche Vergiftungsfälle vorbereiten. Wenn die Gefahr vorbei sei, werde er das erste Glas Wasser aus dem Leitungsnetz von Harbin trinken. Die Behörden in Harbin versuchten indes weiter, aus Nachbarregionen Trinkwasser mit Lastwagen in die Stadt zu bringen. Neue Brunnen wurden gebohrt. Nicht alle Einwohner haben genug Wasservorräte für die Unterbrechung der Wasserversorgung.
Die staatlichen Behörden hatten seit Mittwoch offiziell die Unterbrechung der Wasserversorgung für vier Tage anberaumt. Ein Vertreter einer Versorgungsfirma meinte jedoch gegenüber BBC, es sei kein Zeitrahmen für die Wiederaufnahme der Wasserversorgung gesetzt worden. Die Bevölkerung sei generell offiziellen Bekanntgaben skeptisch gegenüber, so eine BBC-Korrespondentin. Anfangs habe man ihr erklärt, der Wasserstopp erfolge wegen routinemäßiger Wartungsarbeiten.
Unterdessen kam bei einem weiteren Explosionsunfall in einer chinesischen Chemiefabrik ein Mensch ums Leben. Die Umweltbehörden in der südwestchinesischen Metropole Chongqing teilten am Donnerstag mit, dass Benzol in einen Bach gelangt sein könnte.
