Freiwilligenjahr 2011 -> Studie: Jugendliche und Freiwilligen-Engagement

Oberösterreich: Laut einer EU-Studie üben etwa 94 Millionen Menschen EU-weit eine ehrenamtliche Tätigkeit aus. Dies entspricht einem Prozentsatz von rund 22 bis 23 Prozent. Zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten bestehen wesentliche Unterschiede in der Beteiligung am freiwilligen Engagement.
So ist beispielsweise Österreich mit circa 3 Millionen Menschen gemeinsam im Spitzenfeld mit Schweden, den Niederlanden und Großbritannien.
Oberösterreich liegt mit 48,8 Prozent im Bundesländervergleich an der Spitze vor Tirol und Niederösterreich.
Diese Zahlen sprechen für sich und waren Grund genug, die zahlreichen ehrenamtlich Tätigen im heurigen Jahr in den Mittelpunkt zu stellen. Das Ehrenamt zieht sich quer durch die Gesellschaft und hat in allen Bereichen einen wichtigen Stellenwert. Gerade in der Jugendarbeit wird das am Deutlichsten sichtbar. Die Jugendlichen profitieren in hohem Maß sowohl im privaten, als auch im beruflichen Bereich von den wertvollen Erfahrungen im Ehrenamt.
Das Land Oberösterreich hat dazu zwei Studien zum Thema „Jugend und Ehrenamt“ in Auftrag gegebenen:
• em. Univ.-Prof. Dr. Klaus Zapotoczky stützt seine Überlegungen auf qualitative Studien und auf (Jugend-)Untersuchungen in Deutschland
• Dr. Bernhard Hofer (Public Opinion | Institut für qualitative Sozialforschung) hat in seiner Arbeit drei ineinander übergreifende quantitative Untersuchungen durchgeführt.
em. Univ.-Prof. Dr. Klaus Zapotoczky
5 THESEN UND EMPFEHLUNGEN ZUR JUGEND UND ZUM FREIWILLIGEN-ENGAGEMENT IN OBERÖSTERREICH
These 1:
Die Zugänge zum Freiwilligen-Engagement sind vielfältig. Ein Drei-Pfade-Ansatz ist auch für Oberösterreich sinnvoll und ist durch drei Fragen abzudecken:
1.Wie kann Aufmerksamkeit auf Freiwilligen-Engagement gelenkt werden?
2. Was beeinflusst die Wahrscheinlichkeit bei den Jugendlichen, Freiwilligen-Engagements als für sie realisierbar einzuschätzen?
3. Was sind die Erwartungen der Jugendlichen gegenüber einem Freiwilligen-Engagements?
Empfehlungen:
Ein Freiwilligen-Engagement wird dann eher realisiert, wenn
– die Jugendlichen den für sie attraktiven Engagement-Möglichkeiten möglichst früh begegnen,
– sie Anregungen für eine interessante eigene Lebensgestaltung erhalten und
– sie lebenserfahrenen Menschen begegnen, die ihnen Ratschläge für ihre Probleme als (gleichberechtigte) Partner geben.
Die Erwartungen der Jugendlichen an ein Freiwilligen-Engagement sind sowohl vielfältig als auch regionalspezifisch. Besonders wichtig sind für die Jugendlichen die Motive
– Freude an den Aktivitäten
– Bedürfnis nach Geselligkeit und Gemeinschaft
– Interesse an den Zielen und Inhalten der Organisationen
– Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun.
These 2:
Der für jeden Jugendlichen wichtige informelle Lernprozess des Hineinwachsens in unterschiedliche Lebensfelder wird günstig und effizient durch ein Freiwilligen-Engagement beeinflusst.
Empfehlung:
Es ist in erster Linie darauf zu achten, dass sich Jugendliche – möglichst früh und möglichst zahlreich – freiwillig engagieren. Das Engagement der Jugendlichen muss daher früh geweckt und entsprechend unterstützt werden. Der gesellschaftliche Nutzenaspekt darf nicht im Vordergrund stehen. Jugend-Engagement darf keine Lückenbüßer-Funktion einnehmen.
These 3:
Der Sozialisationsprozess ist vielschichtig und verlangt von den Menschen
• die Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit
• die Eingliederung in die Gesellschaft und
• die Verinnerlichung der zentralen kulturellen Werte.
Das ist für Jugendliche dann besser und leichter zu leisten, wenn sie in ein Freiwilligen-Engagement eingebettet sind.
Empfehlungen:
Untersuchungen in Deutschland zeigen, dass 80 Prozent der befragten freiwillig tätigen Erwachsenen sagen, dass dem freiwilligen Engagement ein hoher Einfluss auf ihr Leben zukommt. Freiwilligen-Engagement ist ein wichtiger informeller Lernort: Die Engagierten besitzen höhere personale, soziale und kommunikative Kompetenzen, haben einen größeren Freundeskreis, sind vielfältiger vernetzt, politisch interessierter und besitzen mehr soziales Kapital. Allen Menschen, besonders aber Jugendlichen, muss in geeigneter Weise vermittelt werden, wie bildend, entfaltend und erfüllend ein Freiwilligen-Engagement sein kann.
– Erfahrungsberichte von engagierten Erwachsenen sind für Jugendliche wichtig und sollten vermehrt vermittelt werden.
– Auf Dauer wird ein Engagement dann beibehalten, wenn die Engagierten
– Verantwortung übernehmen und für die eigene Person wichtige Kompetenzen erwerben können
– sich sozial eingebunden und anerkannt fühlen und
– den Eindruck haben, selbstständig etwas zu bewegen.
These 4:
Der Globalisierungsprozess und die weltweite Vernetzung führen dazu, dass Freiwilligen-Organisationen dann besonders erfolgreich sein können, wenn sie lokale Verantwortung mit internationalem Verständnis verknüpfen können.
Empfehlungen:
Viele Freiwilligen-Organisationen haben Partnergruppen in anderen Ländern. Vor allem den Jugendlichen sollten Möglichkeiten geboten werden, diese Gruppen persönlich kennen zu lernen und sich an Austausch-Aktionen zu beteiligen.
– Diese Kontakte werden auch die Besinnung auf die Werte und Besonderheiten im eigenen Land fördern und Interesse für das wertvolle Eigene bewirken, weil z.B. (von den Jugendlichen) überlegt werden muss, was den fremden Gruppen vom eigenen Land gezeigt werden soll.
These 5:
Gesellschaftliche Entwicklungstendenzen, wie z.B. Professionalisierungs- und Akademisierungsbestrebungen dürfen nicht dazu führen, dass für Freiwilligen-Engagement hohe Einstiegsbarrieren aufgebaut werden. Sie erschweren vielen Jugendlichen de facto einen Engagement-Beginn.
Außerdem ist es sinnvoll, für die einzelnen Engagement-Bereiche Freiwilligen-Karrieren zu entwickeln, die entsprechende Leistungen, z.B. durch adäquate Zertifikate, „honorieren“.
Empfehlung:
Optimale Einstiegsmöglichkeiten sind zu entwickeln und Einstiegsbarrieren müssen entdeckt und beseitigt werden.
Dr. Bernhard Hofer, Public Opinion GmbH/Institut für Sozialforschung
ERGEBNISSE DER QUANTITATIVEN UNTERSUCHUNGEN
Im Spätsommer 2011 wurden drei Onlinebefragungen in mehreren Wellen durchgeführt. Insgesamt nahmen daran 1.739 Personen aus folgenden Zielgruppen teil:
• Oö. Freiwilligenorganisationen
• Beschäftigte aus der oö. Jugendszene
• Oö. Jugendliche im Alter vom 15 bis 20 Jahren
Jugendliche sind in verantwortlichen Positionen unterrepräsentiert
Obwohl rund jedes vierte Mitglied unter 21 Jahren alt ist, sind Jugendliche in verantwortlichen Positionen kaum vertreten. Bei einer durchschnittlichen Vereinsvorstandsgröße von rund 8 Personen weisen 70 Prozent der Organisationen keine Person unter 21 Jahren im Vereinsvorstand auf.
Die Gewinnung Jugendlicher für ein freiwilliges Engagement wird als eher schwierig eingeschätzt. Offensichtlich haben manche Organisationen bei der Rekrutierung Jugendlicher für ein freiwilliges Engagement Schwierigkeiten. Rund 37 Prozent schätzen die Gewinnung Jugendlicher für ein Engagement als (eher) schwierig ein; 44 Prozent teilweise. Lediglich rund 18 Prozent befinden dies als (eher) leichte Aufgabe.

Stundenausmaß jugendlichen Freiwilligenengagements
Jugendliche engagieren sich durchschnittlich rund 7,2 Stunden pro Monat freiwillig im formellen und informellen Bereich. Rechnet man das Engagement für das familiäre Umfeld (Eltern/Elternteil, Geschwister und Großeltern) hinzu, so erhöht sich das monatliche Engagement auf rund 7,8 Stunden.
Jugendliche engagieren sich oftmals anders als vom Umfeld eingeschätzt
Neben dem Bereich „Feuerwehr“ engagieren sich Jugendliche relativ stark im Bereich „Umwelt, Klima, Natur, Tiere“. An dritter Stelle folgt das Engagement im Sportbereich und rund ein Drittel der Jugendlichen engagieren sich im Rettungswesen.
Entgegen der Auffassung der Jugendszene-Beschäftigten engagieren sich Jugendliche relativ stark im Bereich Schule/Bildung, Betreuung von fremden Kindern/Jugendlichen, Politik sowie Kirche/Religion. Auch die Bereiche Behindertenhilfe, Nachbarschaftshilfe, Pflege- und Betreuungsdienste weisen vergleichsweise höhere Werte auf als von den in der Jugendszene-Beschäftigen eingeschätzt.

Akzeptanz und Ansprache fördern ein freiwilliges Engagement Jugendlicher
Dem Engagement Jugendlicher förderlich erscheinen vor allem die „persönliche Ansprache seitens der Organisationen“, „Möglichkeiten der Selbstverwirklichung“, „Anerkennung seitens Freunden/Bekannten/ Erwachsener“ und das „Verständnis seitens der Erwachsenen“. Diese Bereiche könnte man auch unter dem Begriff „Akzeptanz“ zusammenfassen. Darüber hinaus üben sog. „Vorbilder (Peers, Freunde)“ einen nicht unerheblichen Einfluss aus.
Wichtig im Leben der Jugendlichen:
Geborgenheit – Orientierung – Beruf/Freizeit im Einklang
Offensichtlich ist es für die Jugendlichen wichtig, über einen Ort zu verfügen, wo sie sich zurückziehen können, der ein gewisses Maß an Geborgenheit bietet und wo man Gemeinsamkeit mit Menschen pflegt, die einem besonders nahestehen. Gleichzeitig herrscht die Sehnsucht nach Orientierungshilfen vor, sei es hinsichtlich des Studiums oder des Berufs. Jugendliche möchten wissen, wo ihr (zukünftiger) Platz in der Gesellschaft ist. Damit verbunden sind die Lebensbereiche „Beruf“ und „Freizeit“. Wichtig ist den Jugendlichen eine gute Berufsausbildung, die Absolvierung von Bildungshürden, beruflicher Aufstieg und die Möglichkeit, möglichst viele Erfahrungen zu machen. Beruf und Freizeit sollten sich allerdings gut miteinander in Einklang bringen lassen. Reisen, viel Zeit mit Freunden verbringen können und ein hohes Maß an Selbstbestimmung kommen hier zum Tragen. Auch der Ausbildung in Freiwilligenbereichen wird besonderes Augenmerk geschenkt.
MASSNAHMENEMPFEHLUNGEN
basierend auf den drei Umfrageergebnissen
a) für Organisationen:
Vermehrte Abgabe von Verantwortung an die Jugendlichen
Engagementhemmend für Jugendliche wirken sich oftmals die vorhandenen und gewachsenen Strukturen in den Organisationen aus. Obwohl Jugendliche als wichtig für die unterschiedlichen Aktivitäten und den Fortbestand der Organisation wahrgenommen werden, gesteht man ihnen relativ wenig Gestaltungsraum ein.
Jugendliche brauchen Freiräume mit Möglichkeiten, ihre Vorstellungen, ihre Kreativität zu realisieren. Es fehlt eine gewisse Risikobereitschaft seitens der Organisationen, Teilbereiche in die Verantwortung von Jugendlichen abzugeben. Die Angst vor dem allfällig damit verbundenen Risiko kann den Organisationen genommen werden, indem die Hauptansprechpartner für Jugendliche in den Organisationen eine Art Coaching-Funktion wahrnehmen. In dieser Funktion begleiten sie die verantwortlichen Jugendlichen bei der Realisierung ihrer Anliegen und helfen bei Problemlösungen. Als neutrale Gesprächs- und Interaktionspartner eröffnen sie den Jugendlichen den Prozess der individuellen Weiterentwicklung und erleichtern diesen.
Schaffung von niedrigschwelligen Angeboten für Jugendliche
Oftmals werden Jugendliche durch zu hohe Anforderungen abgeschreckt, sich in Organisationen zu engagieren. Um Jugendliche besser zu erreichen, sie auch besser anzusprechen bzw. in ihrem sozialen Kontext „abzuholen“, sind niedrigschwellige Angebote häufig stärker an deren Bedürfnissen orientiert. Mit solch niedrigschwelligen Angeboten kann auch vermehrt wichtigen Beweggründen (Spaß/Freude, Geselligkeit etc.) entsprochen werden.
„Persönliche Ansprache“ muss geübt werden
Um Mitglieder zu generieren, ist die persönliche Ansprache durch OrganisationsmitarbeiterInnen nach wie vor die effizienteste Methode. Es scheint jedoch so, dass der Weg der persönlichen Ansprache, des persönlichen Gesprächs, von den Organisationen manchmal gescheut wird. Mit der vermehrten Delegierung an „08/15-Mitglieder-Gewinnungskonzepte“ verliert die Organisation an „persönlicher Wärme“. Jugendliche sehnen sich nach Seelenverwandten und Gleichgesinnten, die auf ihre Individualität eingehen können.
Frühestmögliche Ansprache
Je früher Zielgruppen angesprochen werden desto leichter fällt der Zugang. Wird bei Jugendlichen die Zeit der Ansprache seitens der Organisationen verpasst, so fällt es später umso schwerer, diese für sich zu gewinnen. Nach ihrer schulischen und beruflichen Ausbildung bleibt – sofern sie nicht bereits eine Einbindung in eine Organisationen gefunden haben – für ein Engagement kaum Zeit, da Beruf, Freunde, Familie größtenteils ihren Lebensinhalt bestimmen.
Angebotspalette „mundgerecht“ präsentieren
Wer sich heutzutage freiwillig/ehrenamtlich engagiert, sieht darin einen persönlichen Nutzen. Freiwilligenorganisationen, die dies erkannt haben und in ihren Angeboten beherzigen, haben die Chance, Menschen zu vermehrtem Engagement zu gewinnen. Dazu ist es notwendig, die Kompetenzen, welche im Freiwilligenengagement erworben werden, entsprechend „mundgerecht“ zu präsentieren, d. h. auf die jeweiligen Einzelpersonen persönlich abzustimmen und aufzuzeigen, welche Kompetenzen im beruflichen und privaten Leben weiterhelfen können. Auch dies funktioniert am ehesten im persönlichen Gespräch.
Nutzung des Freiwilligenpotenzials aus Migrantenfamilien
Jugendliche aus Migrantenfamilien stellen eine Bereicherung des gesellschaftlichen Spektrums und somit auch des Umgangs mit gesellschaftlichen Herausforderungen dar. Wie jüngste Studien aus Deutschland zeigen, lässt sich gerade bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine verhältnismäßig hohe Engagement-Bereitschaft feststellen. Da diese aber offensichtlich weniger Möglichkeiten finden, aktiv zu werden, sollten etwaige Zugangsbarrieren hinterfragt werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei sogenannten „Sprachbarrieren“.
b) für die Politik:
Öffentliche Anerkennung erfolgreicher Jugendprojekte
Das Hauptaugenmerk bei der Förderung und Anerkennung von Jugendprojekten sollte vor allem darauf gerichtet sein, nicht so sehr auf Projekte für die Jugend, sondern in erster Linie auf Projekte von der Jugend einzugehen. Jugendliche werden dadurch zu mehr Verantwortungsübernahme und Organisationen zu entsprechendem Verhalten bewogen.
Politische Partizipation Jugendlicher
Neben der vermehrten Sensibilisierung Jugendlicher für politische Fragen muss es auch Praxisfelder politischer Betätigung Jugendlicher geben. Auch hier gilt dasselbe wie bei den Organisationen: Jugendliche brauchen Freiräume mit Möglichkeiten, ihre Vorstellungen, ihre Kreativität zu realisieren. In der örtlichen Gemeinwesenarbeit bieten sich zahlreiche Möglichkeiten der Aktivität, allerdings nur dann, wenn diese frei von Gängelei und Instrumentalisierung ist. Darüber hinaus bieten neue Medien (facebook, twitter, youtube etc.) auch neue Chancen der politischen Betätigung. Aufklärung im Umgang mit diesen neuen Medien, sowie ein breiter Zugang zu Politischer Bildung in diesen neuen Medien, sind wesentliche Grundlagen, um das Interesse und die politische Partizipation Jugendlicher zu erhöhen.
Dieser Bericht wurde per 6. Dezember 2011 als Unterlage für eine Pressekonferenz mit dem Landeshauptmann sowie em. Univ.-Prof. Dr. Klaus Zapotoczky, Studienforscher, und Dr. Bernhard Hofer, Public Opinion | Institut für qualitative Sozialforschung herausgegeben.
