Bayern: Flugtag 2020 der Lawinenhunde auf der Reiter Alpe

SCHNEIZLREUTH / OBERJETTENBERG (BAYERN): Vierbeiner und ihre Herrchen trainieren mit der Polizeihubschrauberstaffel Bayern Rettungswinden-Einsätze und das Ein- und Aussteigen bei laufender Maschine. Fireworld.at blickt über den Tellerrand auf diese Veranstaltung der Kollegen vom 27. Jänner 2020.

Die Such- und Lawinenhundestaffel der Bergwacht-Region Chiemgau hat am Montag, 27. Jänner 2020, während ihres einwöchigen Winter-Kurses auf dem Hochplateau der Reiter Alpe zusammen mit der Polizeihubschrauberstaffel Bayern Rettungswinden-Einsätze und das Ein- und Aussteigen der Vierbeiner bei laufendem Rotor geübt. Bei einem Lawinenabgang mit Verschütteten zählt im Ernstfall jede Minute, und die feine Hunde-Spürnase ist trotz aller modernen Technik nach der Kameraden-Rettung nach wie vor die effektivste und schnellste Möglichkeit, unter den Schneemassen begrabene Menschen rasch und vielleicht noch lebend aufzuspüren.

Die Heli-Crew holt ein Suchhundeteam beim Anflug ins Einsatz-Gebiet meist zu Hause oder am Arbeitsplatz des ehrenamtlichen Hundeführers ab und setzt es dann im Schwebeflug oder per Winde am Lawinenkegel ab. Wenn das Wetter nicht mitspielt und Wolken und Wind einen Flug unmöglich machen, werden die Suchhundes-Teams so weit wie möglich per Seilbahn, mit Autos oder besonders geländegängigen Überschnee-Fahrzeugen auf den Berg gebracht, wobei die Retter dann weiter zu Fuß mit Skiern aufsteigen und im Anschluss auch durchs Gelände abfahren müssen.

Das vom Heli auf dem Lawinenkegel abgesetzte Suchhunde-Team ist in der ersten durchaus auch für die Retter riskanten Einsatzphase zunächst auf sich allein gestellt, und der Hundeführer entscheidet über die weitere Taktik: Während beim Hund das übers Spielverhalten antrainierte Such-Programm weitgehend automatisch an- und abläuft, ist der Bergwacht-Hundeführer Abschnittsleiter, Sondierer, Schaufler und Sanitäter in einer Person und muss neben der Lage-Erkundung zusätzlich noch seinen Hund mit Kommandos im Gelände über das potenzielle Suchgebiet führen.

„Wegen der in kurzer Zeit nur sehr schwer zu erfassenden und einschätzbaren Risiken Grund genug, dass alle planbaren Abläufe und jeder Handgriff in Fleisch und Blut übergehen und bei einem scharfen Einsatz sitzen müssen“, erklärt Staffelleiter Stefan Strecker.

Nachdem die vierköpfige Besatzung von „Edelweiß 1“ an der Wartsteinhütte gelandet ist und die Bergretter auf den Hubschrauber eingewiesen hat, erklären Strecker und Hunde-Ausbilder Michael „Much“ Partholl den Neulingen und den alten Hasen, auf was sie beim Ein- und Aussteigen besonders achten und wie sie sich selbst und den Vierbeiner am Windenhaken und im Heli sichern müssen. „Auf keinen Fall darf das Tier in Panik geraten und nach vorne ins Cockpit zum Piloten springen!“, betont Partholl. Obwohl die Führer ihre Tiere eigentlich alle gut unter Kontrolle haben und die Vierbeiner besonders stressresistent sind, tragen alle Hunde während des Flugs ohne Ausnahme einen Maulkorb, damit im Zweifelsfall niemand gebissen wird. „Der Flug ist und bleibt trotz aller Gewöhnung bei Übungen wie heute eine Ausnahme-Situation, in der niemand zu hundert Prozent das Verhalten des Tiers vorhersehen kann; wir gehen da kein unnötiges Risiko ein!“, sagt Strecker.

Die komplette Kommunikation zwischen Hundeführer und Heli-Besatzung erfolgt über auch aus größerer Entfernung eindeutig erkennbare Handzeichen. Unter dem Abwind des Hubschraubers wird der Schnee aufgewirbelt und die Sicht ist eingeschränkt; der im Fluggeschirr gesicherte Hund steht unter Adrenalin, springt unter Umständen herum und muss beruhigt werden. Trotzdem muss der Hundeführer genau darauf achten, wie er sich, den Vierbeiner, seine Ski und weitere Ausrüstung in den Windenhaken einhängt. Alles ist in Bewegung, und ganz schnell wickelt sich versehentlich eine Bandschlinge um den Hund, die bei Belastung auf den Weg nach oben in die Kabine womöglich die Kehle abschnüren oder den Schwanz brechen kann. Auf dem Weg in den Heli wird es eng: Der Winden-Operator steht bei offener Seitentüre auf der Kufe und braucht Platz, die Ski und der Hund müssen an ihm vorbei ins Innere gehoben und so gesichert werden, dass Herrchen, Rucksack und womöglich weitere Ausrüstung auch noch Platz haben.

Obwohl es am Morgen noch wolkig war und kurzzeitig ordentlich geschneit hat, ist der Wettergott gnädig und beschert den ehrenamtlichen Bergrettern einen gewaltig schönen Winter-Flugtag mit strahlend blauem Himmel und toller Fernsicht auf Watzmann, Hochkalter und die Loferer und Leoganger Steinberge. Während der Gewöhnungsflüge für die A-Hunde bereiten sich die voll ausgebildeten C-Hunde-Teams auf ihren Einsatz am Lawinenfeld nördlich oberhalb der Wartsteinhütte vor.

Der Heli nimmt sie bei laufendem Rotor auf und setzt sie dann mit der Winde weiter oben wieder ab. Auch auf der nordöstlich gelegenen Hirschwiese ist ein Lawinen-Suchfeld mit Löchern präpariert, doch das knappe Zeitfenster reicht wegen der angekündigten Schlechtwetter-Front nicht aus, um auch dort mit dem Heli zu üben. Die beiden Helferinnen vom Hundeverein, die sich einbuddeln lassen wollten, sind dennoch nicht enttäuscht und verfolgen gespannt die Übung. Letztlich kommen alle Hundeteams zum Zug und können fliegen und sich Selbstsicherung beim Ein- und Aussteigen üben.

Auch wenn der bisher schneearme Winter 2019/2020 zum Glück bisher keinen echten Lawineneinsatz in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen gefordert hat, ist die Flug-Übung wichtig und nicht umsonst: Die Suchhundeteams sind das ganze Jahr über auch bei Vermisstensuchen im alpinen Gelände immer wieder im Einsatz und werden dann auch von Helis ins Suchgebiet gebracht. Am Winter-Kurs auf der Reiter Alpe nehmen auch zwei Hundeteams der Alpinen Einsatzgruppe (AEG) der bayerischen Polizei und zwei Gast-Teams  des Österreichischen Bergrettungsdienstes (ÖBRD) aus der Steiermark teil. „Wir profitieren wir sehr vom organisationsübergreifenden Erfahrungsaustausch“, sagt Strecker. Neben der praktischen Ausbildung gibt es Fach-Vorträge durch Experten aus der Notfallmedizin, Tierheilkunde, Einsatztaktik, Bergrettung und Lawinenhunde. Die Bergwacht wird bei ihrem Lehrgang durch die Bundeswehr und die Wehrtechnische Dienststelle Oberjettenberg (WTD52) unterstützt und kann Seilbahn, Fahrzeuge, Kantine und zur Übernachtung den Lenzenkaser 3 und die Wartsteinhütte für die Hunde nutzen.

Am Lehrgang nehmen neben Staffelleiter Stefan Strecker mit Zabo (C, Bad Reichenhall), Ausbilder Michael Partholl mit Kantos (C, Ramsau) und den Helfern Helmut Lutz (Bad Reichenhall), Hugo Seichter (Bergen), Martin Wagner (Marktschellenberg) und Ralf Kaukewitsch (Berchtesgaden) die Suchhundeteams Jörg Riechelmann mit Enzo (C, Bad Reichenhall), Thomas Pöpperl mit Lasko (C, Berchtesgaden),  Kurt Becker mit Askan (C, Berchtesgaden), Ernst Bresina mit Lup (C, Bergen), Wolfgang Fehringer mit Samu (A, Inzell), Achim Tegethoff mit Cira (C, Marquartstein), Antonia Purrer mit Gustl (B, Marquartstein), Jürgen Triebler mit Asko (B, Marquartstein), Korbinian Conway mit Lana (B, Ruhpolding) und Andreas Lindner mit Juana (A, Ruhpolding) teil.

Rotes Kreuz Berchtesgaden

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