BrandMix

9 Jahre nach Grenfell Tower: Neue Vorgaben für Funk, Löschwasser und Einsatzorganisation

GROSSBRITANNIEN: Mehr als neun Jahre nach dem verheerenden Brand im Grenfell Tower mit 72 Toten in London werden die Konsequenzen für die britischen Feuerwehren weiter umgesetzt. Ein im September 2026 veröffentlichter Fortschrittsbericht der britischen Regierung zeigt, dass inzwischen ein großer Teil der Empfehlungen aus der zweiten Untersuchungsphase umgesetzt wurde. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Funkkommunikation, Löschwasserversorgung, Ausbildung, Einsatzführung und das systematische Lernen aus Großschadensereignissen.

Der aktuelle Bericht umfasst insgesamt 61 Empfehlungen aus verschiedenen Bereichen. 30 davon waren Anfang September 2026 vollständig umgesetzt, 31 befanden sich noch in Bearbeitung. Im Teilbereich Feuerwehr und Rettungsdienste gelten neun von 13 Empfehlungen als abgeschlossen.

Funkprobleme ausdrücklich in die Ausbildung aufgenommen

Ein wesentlicher Punkt betrifft die Kommunikation im Einsatz. Die Untersuchung hatte unter anderem Schwächen beim Funkverkehr in komplexen Gebäuden aufgezeigt. Künftig sollen Einsatzkräfte ausdrücklich darauf vorbereitet werden, dass Funkverbindungen in bestimmten Einsatzumgebungen ausfallen können. Die entsprechende nationale Einsatzrichtlinie wurde inzwischen überarbeitet und im September 2026 veröffentlicht. Sie behandelt den Verlust der Funkkommunikation an der Einsatzstelle und soll Feuerwehrleute darauf vorbereiten, auf Kommunikationsausfälle richtig zu reagieren und Verbindungen möglichst wiederherzustellen. Ergänzend wurden kurze Schulungsmodule entwickelt.

Noch nicht vollständig abgeschlossen ist hingegen die technische Seite. Feuerwehren sollen prüfen, leistungsstärkere Funkgeräte insbesondere bei Hochhauseinsätzen einzusetzen. Außerdem wird empfohlen, alle Feuerwehrleute mit Digitalfunkgeräten auszustatten. Der National Fire Chiefs Council, NFCC, begleitet die Feuerwehren dabei mit Workshops und Auswertungen aus der Einsatzpraxis. Bis Ende 2026 sollen die noch erforderlichen Unterstützungsmaßnahmen abgeschlossen sein.

Löschwasserversorgung wird zum Ausbildungsthema

Auch die Löschwasserversorgung wurde nach Grenfell neu bewertet. Alle Feuerwehrleute sollen Grundkenntnisse über Aufbau und Funktion des Wasserversorgungsnetzes, unterschiedliche Hydrantentypen sowie Möglichkeiten zur Erhöhung von Wassermenge und Wasserdruck erhalten. Die entsprechenden nationalen Richtlinien und Ausbildungsunterlagen wurden 2026 aktualisiert. Zusätzlich sollen Feuerwehren mit den jeweiligen Wasserversorgern verbindliche Kommunikations- und Zusammenarbeitsregelungen vereinbaren und regelmäßig überprüfen.

Dass das Thema weiterhin aktuell ist, zeigt eine NFCC-Erhebung aus dem Sommer 2026. Demnach haben 81 Prozent der teilnehmenden britischen Feuerwehren ihre geplante Einsatzreaktion in Gebieten verändert, in denen Probleme mit der Löschwasserversorgung bekannt sind. Die Hälfte der befragten Dienste berichtet zumindest teilweise häufig von unzureichendem Wasserdruck oder zu geringen Durchflussmengen. Der NFCC fordert deshalb inzwischen verbindlichere technische Standards für Hydranten, Wassermengen und Druck sowie eine stärkere Berücksichtigung des Löschwasserbedarfs bereits bei der Planung neuer Gebäude und Infrastruktur.

Entscheidungskompetenz auch ohne unmittelbaren Befehl

Eine weitere Konsequenz betrifft die Entscheidungsfindung von Einsatzkräften. Die britischen Feuerwehren haben ihre nationalen Einsatzgrundlagen überarbeitet, um Feuerwehrleute besser darauf vorzubereiten, in dynamischen Situationen auch dann geeignete Entscheidungen zu treffen, wenn keine unmittelbare Anweisung durch eine Führungskraft möglich ist. Hintergrund sind Situationen, in denen Kommunikationswege ausfallen oder Einsatzkräfte aufgrund einer akuten Gefahrenlage unmittelbar handeln müssen. Die Ausbildung soll deshalb stärker vermitteln, wie Risiken eigenständig beurteilt und Entscheidungen innerhalb des vorhandenen taktischen Rahmens getroffen werden können. Die entsprechende nationale Einsatzrichtlinie wurde bereits im April 2026 aktualisiert.

Der Brand des Greenfell-Towers

Lernen aus Einsätzen soll fester Bestandteil werden

Auch innerhalb der London Fire Brigade wurde der Umgang mit Erkenntnissen aus Einsätzen, Untersuchungen und Gerichtsverfahren neu organisiert. Eine überarbeitete „Operational Learning Policy“ wurde im Dezember 2025 eingeführt und anschließend unabhängig überprüft. Ziel ist, erkannte Probleme nicht lediglich zu dokumentieren, sondern notwendige Änderungen bei Ausbildung, Taktik oder Verfahren zeitnah in den Feuerwehrdienst zu übernehmen. Die entsprechende Empfehlung aus der Grenfell-Untersuchung gilt inzwischen als vollständig umgesetzt.

Eigenes nationales Feuerwehr-College geplant

Noch deutlich länger dauern dürfte die Umsetzung einer der umfassendsten Empfehlungen: Großbritannien soll ein unabhängiges „College of Fire and Rescue“ erhalten. Die Einrichtung soll unter anderem praktische Ausbildung, Führungskräftetraining, Forschung zu Großbränden, die Weiterentwicklung von Ausrüstung und Einsatzverfahren sowie nationale Standards für Führungskräfte übernehmen. Eine öffentliche Konsultation dazu lief von Mai bis Juli 2026. Für 2027 ist eine Regierungsentscheidung über das konkrete Modell vorgesehen. Die vollständige Umsetzung dürfte sich nach aktuellem Zeitplan bis 2028 oder 2029 erstrecken.

Dokumentation

Grenfell verändert Feuerwehren noch Jahre später

Der Brand im Grenfell Tower vom 14. Juni 2017 mit 72 Todesopfern hatte nicht nur massive Mängel beim Gebäude und dessen Brandschutz offengelegt. Die Untersuchungen beschäftigten sich auch intensiv mit Einsatzführung, Leitstelle, Kommunikation, Wasserversorgung und Ausbildung der Feuerwehr. Der aktuelle Fortschrittsbericht zeigt, dass daraus inzwischen zahlreiche konkrete Änderungen im britischen Feuerwehrwesen entstanden sind. Besonders deutlich wird dabei ein Grundsatz: Technische Ausrüstung alleine reicht nicht aus. Kommunikationsausfälle, begrenzte Wasserversorgung oder Situationen ohne unmittelbare Führungsmöglichkeit müssen bereits in Ausbildung und Einsatzplanung berücksichtigt werden.

Die britische Regierung geht derzeit davon aus, dass sämtliche ausstehenden Empfehlungen der Grenfell-Untersuchung bis Ende 2029 umgesetzt werden können

Zum Thema

• Grenfell-Tower-Bericht 2019: Unverständnis bei vfdb und DFV & Reportage
• England: Viele Feuerwehrleute vom Grenfell Tower-Einsatz haben nun Krebs

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert